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Sexualität in Marokko: zwischen natürlichem Bedürfnis und kultureller Prägung

Sexualität war in Marokko seit jeher ein ambivalentes Thema: je verbotener, desto faszinierender

Aus dem Arabischen übersetzt von Rafael Sanchez

„Lasset einen Mann und eine Frau nicht alleine zusammen sein, sonst ist der Teufel der Dritte unter ihnen.“, überliefert die in der islamischen Rechtstradition als autoritär geltende Hadith-Sammlung des al-Buchari. Es ist der Teufel, der Frau und Mann zum Sex verleite. Doch welche Bedeutung hat das arabische Wort „dschins“(جنس) genau?

Dschins bezeichnet die Art und den Ursprung einer Sache. Nach vorherrschender Auffassung existieren beim Menschen zwei Ausprägungen, zwei Geschlechter: männlich und weiblich. Doch hat das Wort – analog zum lateinischen sex(us) – eine semantische Entwicklung durchlaufen und dient ebenfalls der Bezeichnung des intimen Verkehrs, sei es zwischen Mann und Frau oder Personen gleichen Geschlechts. Angetrieben wird dieser Verkehr durch die Libido, wie in der Psychologie der  Sexualtrieb genannt wird. Ziel ist dabei die sexuelle Befriedigung – neben gehobeneren Zielen wie Fortpflanzung oder Steigerung der mentalen Performance.

Die arabische Sprache kennt noch eine weitere Differenzierung: Für „rechtmäßige“ sexuelle Beziehungen wird das Wort nikah verwendet, während das Wort zina „unrechtmäßige“ sexuelle Beziehungen bezeichnet. Die beiden Wörter sind im Wesentlichen synonym, werden aber in unterschiedlichen Kontexten verwendet. Diese Unterscheidung findet sich bereits im Koran. Das macht deutlich, wie wichtig die Frage der (religiösen) Rechtmäßigkeit für die Bewertung einer sexuellen Beziehung ist: entweder „unschuldig“, im Rahmen der Ehe – oder „sündig“, ohne geheiligtes Band. Ende des 11. Jahrhunderts n. Chr. verfasste der bedeutende islamische Theologe Al-Ghazali in seiner Abhandlung über „Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ eine detaillierte Beschreibung darüber, wie der Islam den Sexualtrieb auf gottgefällige Weise in sein Glaubenssystem integrieren könne. Würde die sexuelle Lust nicht bestimmten Regeln unterworfen, führe sie zu einer Störung der sozialen Ordnung der islamischen Gesellschaft.

In der marokkanischen Gesellschaft existiert das Bild der Frau als sexueller Aggressorin, ganz im Sinne eines weiteren Hadiths aus der Sammlung al-Bucharis: „Es gibt für die Männer keine schädlichere Versuchung als die Frauen“. Den Frauen wird eine Kraft zugesprochen, die, indem sie die Männer sexuell erregen, in der Lage ist, die gesellschaftliche Ordnung von innen heraus zu zersetzen. Besonders deutlich zeigt sich dieses Bild in der marokkanischen Populärkultur mit der berühmten Legende von der Dämonin Aischa Kandischa: sie  betört Männer, um mit ihnen Sex zu haben und so bis in alle Ewigkeit von ihnen Besitz zu ergreifen. Die Frau gilt in der traditionellen marokkanischen Überlieferung als eine aufgrund ihrer Lüsternheit zerstörerische Kraft, während der Mann als ein schwaches Wesen dargestellt wird, das ihrer Versuchung hilflos ausgeliefert ist.

Sexualität war in Marokko seit jeher ein ambivalentes Thema: je verbotener, desto faszinierender. Alles innerhalb der marokkanischen Gesellschaft hat zwei Gesichter – ein nach außen hin sichtbares und ein verborgenes. Die Sexualität ist dabei nur ein Element dieser doppelbödigen Gesellschaftsstruktur. Trotz des Interesses, das ihr im Verborgenen entgegenschlägt, wird sie in der Öffentlichkeit als mit „Schande“ behaftet thematisiert. „Aib!“ Mit diesem Wort – meist geflüstert – signalisieren Gesprächspartner einander ständig, dass ein offenes Sprechen über Sexualität absolut inakzeptabel ist. Im Gegensatz dazu sind in der Geschichte der marokkanischen Volksmusik sehr wohl Verweise auf das Thema Sexualität belegt. Eine ganze Generation von Pionierinnen hat in Anspielungen davon gesungen, u. a. al-Hamdawiya, Fatna Bint al-Hussein, al-Zahafa und Zurayka Bint al-Wakid. Ebenso finden sich in der Literatur Vorläufer wie Mohammed Choukri, der in seinem autobiografischen Werk „Das nackte Brot“ ungeschminkt über seine sexuellen Erlebnisse geschrieben hat.

Aktuell ist zu beobachten, dass in Marokko der Blick auf Sexualität einen Wandel erfährt und nicht mehr so sehr dem Diskurs des Schandhaften unterliegt wie früher. Und das trotz jener konservativen Tendenzen, die an gesellschaftlichen Traditionen und religiösen Sitten festhalten. Im Bewusstsein der gegenwärtigen Generation ist Sex kein solches Tabu mehr. Nicht zuletzt der Zugang zu internationalen Medien ermöglicht es den jungen Leuten, dieses Tabu in Frage zu stellen und zu erkennen, dass Sex etwas ganz Natürliches ist. Etwas, das auszuleben sie ein Recht haben. Sie versuchen sich von jenen Fesseln zu befreien, die ihnen in Form bestimmter gesellschaftlicher Rituale auferlegt werden. Mit dem Wandel der Geschlechterverhältnisse hatte sich schon vor Jahrzehnten die verstorbene marokkanische Soziologin Fatima Mernissi in ihrem Buch „Beyond the Veil“ (deutscher Titel: „Geschlecht, Ideologie, Islam“) eingehend auseinandergesetzt. Sie untersuchte darin die Dynamik von Geschlechterverhältnissen in einer Gesellschaft wie der marokkanischen, die ihre Gesetze und Regeln  aus dem Islam ableitet. Darin beschrieb sie den rasanten Wandel, dem Marokko nach der Unabhängigkeit unterworfen war.

Wenn junge Leute ihre ersten sexuellen Entdeckungen machen, geschieht dies vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Restriktionen, unter denen sie aufwachsen

Auch die Autorin Soumaya Naamane Guessous hat mehrere Werke zum Thema Sexualität in Marokko geschrieben, darunter ihr bekanntestes: „Au-delà de toute pudeur: la sexualité féminine au Maroc“ („Jenseits aller Scham: weibliche Sexualität in Marokko“). Sie liefert darin einen umfassenden Überblick über das Sexualleben der marokkanischen Frau und beschreibt, wie Frauen in dieser durch und durch patriarchalen Gesellschaft unterdrückt werden. Der Soziologe Abdessamad Dialmy hat sich in seinen wissenschaftlichen Studien ebenso den Themen Sex und Gender sowie deren Entwicklung im Kontext des gesellschaftlichen Wandels gewidmet. Seine Theorie der sexuellen Transformation in Marokko besagt, dass sich Sexualität immer im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen Normen und dem tatsächlichen Sexualverhalten bewegt habe. Während zunächst beide unter dem Vorzeichen der Religion gestanden hätten, habe sich das Sexualverhalten in jüngster Zeit immer mehr von den religiösen Normen gelöst, sich sogar konträr zu diesen entwickelt. In Zukunft sei mit einer Säkularisierung der Normen und des Sexualverhaltens im Kontext des allgemeinen gesellschaftlichen Wandels zu rechnen.

Wenn junge Leute ihre ersten sexuellen Entdeckungen machen, geschieht dies vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Restriktionen, unter denen sie aufwachsen. In Marokko bedeuten diese Restriktionen, dass Sex zu den „verbotenen“ Themen zählt (arab. haram), über die weder zu Hause mit der Familie noch in der Schule gesprochen werden kann. Das Erkunden der eigenen Sexualität geschieht daher über verworrene oder gar ungesunde Wege, indem beispielsweise billige Sex-Filme angesehen oder den Geschichten älterer Freunde gelauscht wird, die meistens von frustrierenden Erlebnissen handeln oder völlig frei erfunden sind. Die Verbote, die um die Sexualität als Wissensgegenstand und als Praxis gezogen wurden und werden, haben ganze Generationen sexuell gehemmter Menschen hervorgebracht, ohne dass diese sich das eingestehen würden.

Ich habe junge Männer und Frauen in Marokko dazu befragt, wie sie zum ersten Mal etwas über Sex in Erfahrung gebracht haben. Die Antworten waren alle mehr oder weniger gleich: Ihre ersten Erkundungen seien auf ein unbedarftes Herantasten an das Thema beschränkt gewesen, meist indem sie sich Pornos anschauten. Nur bei einem der jungen Männer lag der Fall anders. Er war zu Beginn seiner Pubertät von einer doppelt so alten Frau verführt worden, wodurch er Sexualität gleich in der Praxis kennen gelernt hatte. Ganz im Gegensatz zu den anderen, bei denen die Erfahrung zunächst über ein reines Zuschauen erfolgte.

Als ich sie fragte, ob sie irgendeine Form von sexueller Erziehung erhalten hatten, waren die Antworten einhellig nein, bei Männern und Frauen gleichermaßen. Um sich auf diesem Gebiet kundig zu machen, seien sie voll und ganz auf Eigeninitiative angewiesen gewesen. Einer der Befragten, die das Sexleben von Männern und Frauen im Marokko zu beschreiben versuchten, war N.: „Kurz gesagt: voller Beschränkungen. Repression und Scham haben unser Sexleben vergiftet. Dahinter steht die Unwissenheit über den Wert von Sexualität. Sie sollte eigentlich eine Kunst sein.“ S. äußerte, dass das Sexleben von Frauen und Männern in Marokko ihrer Meinung nach eine größere Offenheit der Geschlechter untereinander erfordern würde, damit man die Wünsche des jeweils anderen verstehen und sexuelle Unwissenheit überwinden könne. A. fügte hinzu: „Über das Sexleben in Marokko zu sprechen hieße, über den Körper zu sprechen. Aber in Marokko gehören unsere Körper nicht uns. Wie also sollen wir über etwas sprechen, das uns nicht gehört?“

In einem Punkt waren sich alle einig: Es müsse sich ändern, dass Frauen ständig in ihrem Sexualleben eingeschränkt werden, während Männer sich ihrer sexuellen Freiheit brüsten könnten. Eine solche Freiheit müsse für alle gelten. Und Zustimmung fand auch: dass man den Fokus stärker auf sexuelle Erziehung legen müsse.