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…saat… saat: Wie Sabah sich gesellschaftlichen Konventionen des Alterns widersetzte

Im Laufe ihres Lebens schaffte es Sabah auf immer neue Weise, ihrer joie de vivre Ausdruck zu verleihen.

Redaktion: Maha Muhammed

Kamera: Omar Shahin

Model: Aphrodite Nicole Smith

Garderobe und Koordination: Fadi Zumot

Makeup: Ghadeer Bandak

Frisur: Hiba at Franck Provost – Amman

Regie: Khalid Abdel-Hadi

Übersetzung: Jana Duman

Besonderer Dank gilt Alaa Abu Qasha für seine Unterstützung während des Fotoshootings.

 

Zu allen Fotos und Artikeln der Ausgabe geht es hier.

Diese Ausgabe entstand in Zusammenarbeit zwischen My Kali und Jeem.

 

Sabbah war 37 Jahre alt, als sie 1964 in ihrem Lied Ya Rab (Oh Herr) Gott bat, ihr zwölf Männer aus verschiedenen Städten und Dörfern des Libanons zu schicken, um unter ihnen einen Ehemann auszuwählen. Hinter diesem patriotisch anmutenden Gesang verbarg sich Sabahs ganz eigene Philosophie von Schönheit und Liebe. Diese verstand sie als ihr Lebenselixier.

Umstandslos machte sich die auch liebevoll Sabbouha genannte Sabah die Umstände des patriotischen Kampfes für einen vereinigten Libanon zu eigen – sie, die den Ruf einer Mutasabiyya hatte, einer älteren Frau, die sich kleidete und verhielt wie ein junges Mädchen, und die Geschichten zu erzählen wusste über Liebe, Heirat und Männer, die den Weg in ihr Herz fanden. Sabah identifizierte sich keineswegs mit den patriarchalisch geprägten Stereotypen nationaler Identität und der Symbolik der „Armee Libanons“, die sie besang. Stattdessen war ihr Leben von Selbstbestimmung und Einzigartigkeit geprägt.

Ich erinnere mich genau, wie ich mich bei meiner ersten Begegnung mit Sabah fühlte. Für mich als damals Sechsjährige galt: „Sie ist die Sonne, Mama, die Sonne!“ Wenn ich mich richtig erinnere, saßen wir in einem Restaurant in Jabal Lubnan, in Beirut, als sie die Treppe herunterschritt, gestützt von einem attraktiven jungen Mann mit markantem Kinn und sportlicher Statur. Ich fragte meine Mutter, wer er sei, und sie antwortete leicht spöttisch: „Das ist ihr Ehemann, Fadi Lubnan.“ Ich rannte auf Sabah zu, mit den Fingern ihre berühmten Bewegungen nachahmend, und sang voller Sehnsucht und Freude ihr Lied Ya Dalaa (Oh mein Genuss). Sabbouha lachte, als sie mich sah, und amüsierte sich köstlich, als ich ihr erklärte, ich wolle mit ihr auf der Bühne tanzen, wenn ich mal groß bin, wie ihr Mann Fadi. Sie küsste mich und sagte „Meine Süße, du bist ja zum Fressen! Na, dann sehen wir dich in 15 Jahren, nicht wahr?“

Ich kehrte zum Abendessen an den Tisch meiner Familie zurück. Alle meine Verwandten starrten Sabah an. Ich verstand nicht, warum sich die Frauen über den Tisch hinweg mit Blick auf Fadi und Sabah zuzwinkerten. Unterdessen vermischten sich die Geräusche von Gelächter und klimperndem Geschirr zu einer Szene, die ich schon einmal im Fernsehen gesehen haben musste. Während sich Sabah mit ihrem Mann und ihren Freunden im Restaurant amüsierte, lästerten viele über sie und ihre gesellschaftlich anstößigen Verhaltensweisen. Nicht nur in den Augen der Frauen war sie eine Mutasabiyya; darüber herrschte allgemeiner Konsens. In Interviews wollte man sich niemand ernsthaft mit Sabahs Philosophie des Alterns, ihrem öffentlichen Auftreten und ihrem Umgang mit Männern auseinandersetzen.

 

 

Mutasabiyya –was hieß das eigentlich? Das Wort leitet sich vom Verb saba ab, im al-Waseet Wörterbuch finden sich dafür die Übersetzungen „verlangen“ oder „begehren“. Dem fügt das Lisan al-Arab hinzu, dass das verwandte Substantiv al-siba ein Teil von sabwa (Vergnügung) ist, eine Art leichtherziges Flirten zum Zeitvertreib. Demzufolge hat at-tasabi nichts mit dem Alter zu tun, sondern eher – wie im Fall Sabahs – mit einem Lebensstil, der sich dem gängigen Konzept des Alters und dazu passenden gesellschaftlichen Stereotypen widersetzt. Sabah kämpfte gegen diese Stereotypen an, indem sie die Liebe als identitätsstiftend für ihre Persönlichkeit begriff und sie dementsprechend (aus-)lebte. Die stigmatisierende Bezeichnung Mutasabiyya war also sprachlich falsch und ihre Beschränkung auf das Liebesleben ab einem bestimmten Alter war zweifelsohne mit der Deutungshoheit des Patriarchats, was Konzepte von Alter und Liebe angeht, zu erklären.

Für Sabah waren Stunden nicht nur eine Einheit zur Messung ihrer Lebenszeit; sie hatte eine eigene Philosophie, was das Alter als gesellschaftliche Determinante anging. Sabah gelang es, die Stationen ihres Alters bewusst zu formen und ihm so eine variable Dynamik zu verleihen. Sie erschien uns weder schwach noch bedrückt, ganz im Gegenteil stellte sie sich dem Alter lachend – ein Lachen, das abseits von Kameras und Rampenlicht sicherlich nicht immer ungeteilt fröhlich war. In Interviews erzählte die Diva von ihren Enkeln und Kindern. Sie trug dabei Kleider, die wohl noch gewagter waren als das, was sie in ihrer Jugend angezogen hatte. So bewies sie uns auch im Alter von 70 Jahren noch, dass sie nicht nur eine bestimmte Philosophie hatte, sondern dieser auch handelnd folgte. Sie konnte viele Gründe nennen, weshalb sie sich auf diesen oder jenen Mann in ihrem Leben eingelassen hatte, wobei jedes Mal eine andere Geschichte dahinterstand. Ihre Beziehung zu Männern handhabte sie für gewöhnlich so leicht und intelligent wie ihr Verhältnis zur gesellschaftlichen Autorität.

Die Ehe diente Sabah unter anderem dazu, in einem gesellschaftlich anerkannten Rahmen grenzenlos zu lieben, wen sie liebte. Und trotzte dies allein nicht schon jener gesellschaftlichen Autorität, die versuchte, die Liebe rein vertraglich zu regeln? Sie verliebte sich in Rushdi Abaza, mit dem sie vor der Hochzeit in einem Duett, Idek ani auwi sang, im Film Idek an marati (Lass die Finger von meiner Frau) flirtete, im Film Nar ash-Shawq (Feuer der Begehrung) Küsschen austauschte und dem sie nach der Scheidung das Lied Ya ragul ya tayyib über Liebe und Erinnerungen widmete. Als Sabah Rushdi heiratete, war dieser noch mit Samia Gamal verheiratet, und doch fand die Hochzeit statt, um ihrer Liebe einen gesellschaftlich legitimen Rahmen zu geben. Es wurde eine sehr kurze Ehe. Vielleicht hatten beide Spaß daran, vielleicht auch nur Sabah allein, von der es hieß, sie hätte Rushdi lediglich geheiratet, um alle anderen Frauen zu ärgern. Mich interessieren die Motivationen hinter diesem Ehe-Abenteuer weniger als der Mythos, der sich darum herum entwickelte. Bekanntlich behauptete Sabah in Interviews bis zuletzt: „Wer Rushdi nicht geheiratet hat, der hat noch nicht geheiratet.“ Vielleicht wollte sie unter Beweis stellen, dass die Umsetzung einer bloßen Laune unter dem Deckmantel des gesellschaftlich Legitimierten ganz andere Formen annehmen kann. Mit ihrem selbst geschaffenen Rushdi-Mythos zielt sie in jedem Fall auf die Autorität der Gesellschaft.

Im Laufe ihres Lebens fand Sabah immer wieder neue Formen, um ihrer joie de vivre Ausdruck zu verleihen. Dabei musste sie am meisten gegen stereotype Erwartungen an Frauen über 60 kämpfen. Diese verlangten bedingungslosen Anstand und ein nahezu isoliertes Leben in den eigenen vier Wänden – fast, als sei man mit 60 lebendig begraben. Dieser Wertekanon einer kapitalistisch-konsumorientierten Gesellschaft, die auch ihre Angestellten mit 60 in Rente schickt, konnte der Kunst Sabahs jedoch nichts anhaben. Denn Sabah war keine Angestellte, sondern eine Lebensphilosophin.

Wie schon erwähnt, folgte Sabah auch in Sachen Eheschließung ihrer eigenen Lebensauffassung und passte diese an, je nachdem, wie sich die Dynamik ihrer Beziehungen änderte. Ihre Liaison mit Fadi Lubnan war die vielleicht gesellschaftlich gewagteste. Sabah, die 40 Jahre älter war als Fadi, ging mit ihm eine künstlerische Partnerschaft ein, von der er sicherlich sehr profitierte Doch auch Sabah räumte ein, Fadi zu brauchen, der, wie sie sagte, in der Nacht nicht hustete und nichts von ihr verlangte, was sie nicht erfüllen konnte.

So definierte Sabah die Ehe für sich neu als eine auf gesellschaftlicher Akzeptanz und harmonisierter Interessen beider Partner basierende Institution. In ihrem speziellen Fall war es so, dass sie Fadi Luban Namen und Ansehen verlieh und er ihre künstlerischen und gesundheitlichen Angelegenheiten regelte. Jahrelang tanzte Sabah mit Fadi in zahlreichen Revuen und ließ sich von ihm beim Herabsteigen der Theatertreppen helfen.

Bis zu ihrem Lebensende stellte Sabah vermeintlich heilige Konventionen infrage. Das galt auch für ihre Trauerfeier. Sie hatte sich gewünscht, dass wir auf ihrer Beerdigung ihrer Philosophie der Liebe und des Lebens huldigen. Also tanzte die Menge, als sie ihren Sarg in die Lüfte hob, als wäre dies Sabahs letzte Show. Eine mutige Performance, passend zu ihrer Weltsicht zu Lebzeiten. Eine Show, in der Sabbouha, einziger Star und Regisseurin zugleich, all jene, die ihre zynische Sicht auf das Altern abgelehnt und Gerüchte über ihren Tod, Krankheit oder Unfähigkeit verbreitet hatten, in den Dienst ihrer Sicht auf das Leben stellte.

Sabah war keine reine Unterhaltungskünstlerin, sondern die Verkörperung des Existenzialismus. Sie teilte mit uns ihre Weltanschauung, ihre Gefühle und Details aus ihrem Leben und stellte so die gesellschaftlich auferlegten Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem infrage. Dass ihre Gefühle recht widersprüchlicher Natur waren, offenbarte sie in dem Lied Saat saat. War es am Ende vor allem ihre Traurigkeit, die den Antrieb für ihr künstlerisches Schaffen darstellte? In saat saat zerfällt das vordergründige Bild der immer strahlenden, blonden Entertainerin Sabbouha, die hier ganz offen zugibt, manchmal auch das Gewicht der Zeit zu spüren, wenn sie ruft: „Wie schwer ist der Gang der Zeit, wie schwer das Schlagen der Stunden“ – saat… saat… – „Manchmal.“