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Strafe, wem Strafe gebührt: Autorität und Körper

25/06/2019
1932 words

Wieso interessiert sich der Staat für die sexuellen Entscheidungen und Neigungen von Individuen? Ein Versuch darzulegen, wie die staatliche Autorität die Körper von Individuen – Frauen wie Männern – verwaltet.

Übersetzt aus dem Arabischen von Daniel Falk

Paper Bird ist ein Blog, das sich auf sexuelle Rechte weltweit spezialisiert hat. 2016 erschien dort ein Artikel1 mit einem verlinkten Videoausschnitt. Darin ist zu sehen, wie eine Transsexuelle auf einer Polizeiwache in Alexandria Beleidigungen und Übergriffen ausgesetzt ist. Sie befindet sich in einem Zustand des Deliriums und ist umringt von Polizeioffizieren, die sich über sie lustig machen und sich laut fragen, wie „ein Mann“ sich in „eine Frau“ verwandeln könne. Aus der Ferne ist die Stimme eines Offiziers zu hören. Er spricht sie wie selbstverständlich als Mann an und fordert sie auf: „Geh lieber in eine psychiatrische Klinik als dich auf der Straße herumzutreiben, mein Sohn ...“

Dieses Video zeigt, wie die staatliche Autorität mit sexuellen Rechten umgeht und wie sie sexuelle Entscheidungen und Neigungen als psychische Krankheit klassifiziert. Dabei unterscheidet sich die Einstellung der Mehrheit der ägyptischen Gesellschaft zu diesem Thema nicht von der in anderen arabischen Gesellschaften. So befragte der Sender France 24 in der Sendung „In der Sphäre des Verbotenen“ Passant*innen in der arabischen Welt nach ihrer Meinung zu transsexuellen und homosexuellen Menschen. Dabei zeigte sich, dass die Mehrheit der Befragten eine negative Meinung zur Homosexualität hatte. Ein Passant sagt wörtlich: „Sie sind ‚Abartige‘ und müssen isoliert werden, da sie mit dieser verdorbenen Moral eine Gefahr für die Gesellschaft insgesamt darstellen. Sie müssen von dieser ‚Krankheit‘ geheilt werden.“ Am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie berichteten mehrere ägyptische transsexuelle Frauen von bitteren Erfahrungen, die sie nach der Umwandlung gemacht hatten. Auffällig ist, dass transsexuelle Frauen mehr unter Beleidigungen zu leiden haben als transsexuelle Männer. Es scheint so, als hätten die biologischen Männer bei ihrer Umwandlung zur Frau etwas Kostbares aufgegeben, das sie nicht hätten aufgeben dürfen.2

Diese Meinungen und Erfahrungsberichte lassen eine ablehnende Einstellung gegen jegliche Sexualität außerhalb der etablierten Heterosexualität erkennen, die von der Gesellschaft als „natürlich“ betrachtet wird und die sich um zwei Pole dreht: einen dominierenden aktiven Pol der Männer und einen passiven Pol der Frauen. Mann zu sein bedeutet folglich, in der Sexualität den aktiven und dominanten Part einzunehmen, das heißt den Akt der Penetration durchzuführen, was das Geheimnis der männlichen Kontrolle ist. Wohingegen der in dieser Sichtweise als „schwul“ betrachtete Mann – ob homosexuell oder transsexuell – auf der niedrigsten sozialen Stufe steht und nicht akzeptiert wird, da er sich selbst mit einem niedrigen Rang zufrieden gibt. Zudem müssen die Behörden ihn für seine Sünde bestrafen, mit der er die religiösen, moralischen und politischen Grenzen durchbricht. Aber warum betrachten die Behörden diese Handlung als Abweichung und Sünde? Und wie kontrollieren sie die Wünsche der Individuen, von Frauen wie von Männern? Wieso geraten die sexuellen Entscheidungen und Neigungen in den Fokus und unter Überwachung des Staates? Wie kommt es zur Hegemonie über den sexuellen Akt? Welche Position nehmen schließlich die Frauen in dieser Ordnung ein?

 

Im Folgenden versuche ich, diese Fragen zu erörtern. Ich möchte darlegen, wie die staatliche Autorität die Körper der Individuen – von Männern wie von Frauen – verwaltet. Der Fokus liegt dabei auf den Frauen.

Foucault zieht im ersten Teil seiner Geschichte der Sexualität eine Verbindung zwischen der Kategorie des Geschlechts und der staatlichen Gewalt. Diese bestehe in verschiedenen Kontrollmechanismen, die der Staat besitze, einerseits um den Körper zu beherrschen und ihn andererseits zu reproduzieren: „Über das Geschlecht müssen wir also reden … Reden wir darüber als ein Ding, das regiert, dirigiert und im Regime des Genusses eingeordnet werden muss. Seine Regulierung ist im Interesse aller."3

Denn die staatliche Autorität, ob religiös oder politisch, betrachtet den Körper nicht nur als materielle Produktions- oder Arbeitskraft, sondern auch als politischen Körper. Dieser muss ökonomisch, sozial und schließlich auch moralisch kontrolliert werden. Die Institutionen spielen ihr Spiel mit der Inhaftierung und Überwachung des Körpers innerhalb eines Netzes der Disziplinierung. Denn Disziplin bedeutet Kontrolle und Überwachung von Handlungen und Praxen. Diese Überwachung richtet sich auf den individuellen wie auf den sozialen Körper. Die Familie gilt dem Staat als wichtige gesellschaftliche Einheit, um mittels Instrumenten und Machtmechanismen zwischen den Individuen innerhalb dieser Institution eine sanfte Kontrolle zu etablieren.

So erleben wir die Familie als erste Einheit, die als Kontrollmechanismus des Körpers und äußerer Machtbeziehungen in Erscheinung tritt: Sie ist vertreten in der Gesellschaft und im Staat mit all seinen Institutionen, in den inneren Machtbeziehungen, zwischen den Individuen – Männern und Frauen. Denn über das System der Familie wird der Sex legitimiert und erscheint so nicht in seiner Eigenschaft als Wunsch und freie Beziehung, sondern als Mittel zur Zeugung von Nachkommen. Denn die Ehe dient nicht dem Genuss, sie dient dem Gebären. Und die Familie ist der einzige legitime Ort, an dem Frauen ein Sexualleben haben dürfen und in dem sie zum „biologischen Kapital, das nicht unproduktiv bleiben soll“ werden, wie es Abdelwahab Bouhadiya in seinem Artikel Der Sex und das Sakrale schreibt.4

Die soziale Konstruktion der Gesellschaften (ich leihe diesen Ausdruck von Fatima Mernissi) definiert sich durch das Ausmaß der Fähigkeit der verschiedenen Autoritäten innerhalb dieser Gesellschaften (religiöse, politische, legislative, ökonomische, soziale), die Wünsche, Gedanken und Verhaltensweisen in Bezug auf Sex und Köper der Individuen dieser Gesellschaft zu kontrollieren. Dies geschieht über die Definition der Regeln für das Ausüben von Sex und seine Einhegung in einen „gesetzlich legitimen“ Rahmen. Dieser ist so organisiert, dass er zum Instrument für „Aufbau und Produktion“ wird, aufbauend auf der normativen Dualität (männlich/weiblich). Dabei wird alles außerhalb dieser Dualität marginalisiert, dämonisiert und an die niedrigste Stelle gestellt. Denn ein abweichender Körper, der sich in der Zwischenregion befindet, ist ein Körper außer Kontrolle, der Chaos verursacht und die öffentliche Ordnung untergräbt. Daher muss er korrigiert und behandelt werden, um ihn wieder in den sozialen Körper zurückzuführen – jenes kontrollierte, von der Autorität vorgegebene und mit Regeln und Gesetzen regulierte Konstrukt.

In einem Erfahrungsbericht von Raif al-Chalabi mit dem Titel „Ich, der Abnormale“ auf der Website Aljumhuriya erzählt dieser von seinem Leiden und seiner Einsamkeit in der Familie, in der Schule und im Freundeskreis. Denn er war anders und wies keine gesellschaftlich anerkannten Merkmale „der Männlichkeit“ auf. Er litt unter Schlägen, Ausgrenzung und Isolation und berichtet von seinem fieberhaften Streben nach Verwirklichung einer vollkommenen Männlichkeit, von der Unterdrückung aller Gedanken, Wünsche und Verhaltensweisen mit dem Ziel, sexuelle Moralvorstellungen zu erreichen, die gesellschaftlich, religiös und vom Psychiater für gut befunden wurden. So schreibt er: „Jetzt kommen mir einige Grundzüge meines vergangenen Bewusstseins wieder in Erinnerung. Ich untersuche gründlich diese existenzielle Angst, die mich im Laufe vieler Jahre begleitete. Ich war wie jemand, der aus dem Paradies vertrieben wurde, bevor er sündigte oder bevor er überhaupt zum Leben erweckt wurde. Ich war wie jemand, dem das Gewand eines Verrückten angelegt worden war und der ohne Stimme schreit und darauf besteht, dass er bei vollem Verstand sei. Es war nicht nur die Tatsache, dass ich nicht homosexuell sein wollte. Es war mehr als das. Ich verstand überhaupt nicht, wie ein Mensch gleichzeitig gut und homosexuell sein konnte. Ich unterschied nicht zwischen Aufrichtigkeit, Edelmut und Großzügigkeit des Menschen einerseits und seiner Sexualität andererseits. Wie der Rest meiner Gesellschaft glaubte ich, dass die Sexualität das Zentrum der Moral darstellt, dass die Sexualität die Moral ist.“5

Hier sehen wir, wie die Autorität, wie die Behörden in der Lage dazu sind, die Position derjenigen zu bestimmen, die nicht der Heteronormativität und den Gesetzen folgen, die zur Definition der Dynamik zwischen den beiden Geschlechtern erlassen wurden. Entweder man unterwirft sich, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, das zwischen männlich und weiblich unterscheidet und die Heirat zwischen den beiden gebietet, wie es Foucault ausdrückte. Oder man ist „gegen die Natur“ und muss die verschiedenen Formen der Bestrafung ertragen, die einen treffen und bis zur Tötung reichen können. Denn Toleranz gegenüber unterschiedlichen Sexualitäten zu zeigen, würde zur Erschütterung der Autorität und Herrschaft des Systems führen, Räume des Widerstands kreieren und in der Emanzipation von allen Formen der Unterdrückung und Kontrolle münden. Dies kann die Autorität nicht zulassen.

 

Frauen im sexuellen Diskurs

Fatima Mernissi vertritt in ihrem Buch Das Geschlecht als soziale Konstruktion die Meinung, dass die islamisch-arabischen Gesellschaften zwei sich widersprechende Vorstellungen von der Rolle der Frau in der Sexualität haben, eine explizite und eine implizite: Die explizite Vorstellung assoziiere die Sexualität des Mannes mit Aktivität, während die Sexualität der Frau durch Passivität gekennzeichnet sei. Die implizite Vorstellung beinhalte eine aktive Rolle der Frauen in der Sexualität. Folglich müsse diese zerstörerische Energie eingedämmt und kontrolliert werden, damit sie die Männer nicht von ihren sozialen und religiösen Pflichten ablenkt und die Gesellschaft darauf beschränkt bleibt, Institutionen zur Festigung der männlichen Vorherrschaft zu schaffen.6 Nach meiner Überzeugung besteht zwischen diesen beiden Vorstellungen kein Widerspruch, wenn wir sie mit der sozialen Position der Frauen zusammen denken. Denn wenn Frauen heiraten und zu Müttern werden, gilt für sie die erste Vorstellung, die ihnen eine passive Rolle in der Sexualität zuschreibt: Sie ist die Mutter, der das Paradies zu Füßen liegt, und sie ist „das Land“ und „der Boden“, die dazu beitragen, die Grenzen zwischen den ethnischen, religiösen und nationalen Gruppen zu definieren. Auf diese Weise beschränkt sich die Sexualität der „verdienstvollen“ Ehefrau auf die Befriedigung der Lust ihres Mannes und das Gebären von Kindern. Nur wenige Ehefrauen und Mütter fordern ihr Recht auf sexuellen Genuss ein, denn die Frau (in der Vorstellung der arabischen Gesellschaft) ist ein Geschöpf, das aus dem Mann heraus und für den Mann geschaffen wurde, wie es Abdessamad Dialmy ausdrückt.7

Unverheiratete oder geschiedene Frauen, die sich nicht zum Erhalt der Familie um jeden Preis aufgeopfert haben, gelten dagegen als gefährlich. Denn erstere sind nicht durch die Institution der Ehe gebunden, die für die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse sorgt, und letztere stellen eine noch größere Gefahr dar, weil sie sexuelle Vorerfahrungen mitbringen und darüber hinaus die Motivation zum Erhalt der Keuschheit (und des Hymen) verloren haben. Dadurch werden diese beiden Gruppen von Frauen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – zur Gefahr und zur Möglichkeit der Verfehlung für die Männer und die Gesellschaft.

Egal ob eine Frau verheiratet, geschieden oder ledig ist: Es gibt es ein ständiges Bestreben nach Kontrolle ihrer Sexualität und Freiheit. Die in unserer Gesellschaft am weitesten verbreitete und öffentlichste Erscheinungsform dieser Kontrolle ist zum einen die teilweise Bedeckung der Frau, indem ihr der Hijab mit Anreizen oder gewaltsam aufgezwungen wird: Einige ägyptische Schulen in verschiedenen Provinzen ordnen den Hijab für Schülerinnen verpflichtend an, andere Schulen verehren Hijab tragende Schülerinnen auf besondere Weise.8 Diese Praxis existierte auch an vielen ägyptischen Universitäten, vor allem vor der Revolution des 25. Januar 2011. So gab es Vereinigungen junger Frauen, die zum Tragen des Hijabs aufriefen und Broschüren verteilten, in denen sie dessen Vorzüge für ein muslimisches Mädchen und für die Gesellschaft darlegten.9 Zum anderen existiert eine Kontrolle durch die Beschneidung bzw. Genitalverstümmelung von Frauen. Dieser Brauch ist in Ägypten nach wie vor weit verbreitet und seine Ausübung nimmt trotz aller Anstrengungen nur relativ langsam ab. So erreichte der Anteil im Jahr 2017 noch 91 Prozent, im Jahr 2000 waren es sogar 97 Prozent gewesen.10 Diese Praxis gilt als präventive Maßnahme, die Ehre des Mädchens zu wahren, und sie vor ihrem eigenen Verlangen zu schützen, das sie zum „Laster“ treiben könnte. Daher wird zu ihrem Schutz ein Teil ihres Körpers abgetrennt!

Daneben gibt es die Kontrolle des Verhaltens der Frau durch den Vater, den Bruder oder den Ehemann, was im Falle eines Verdachts zu ihrer Tötung führen kann. Das Paradoxe daran ist, dass dieses Verbrechen „Ehrenverbrechen“ genannt wird. Hier wird das Töten von Frauen mit der Verteidigung der männlichen Ehre verbunden. Denn die Körper der Frauen gehören nicht ihnen selbst, sondern den männlichen Mitgliedern der Familie. Folglich müssen sie kontrolliert und gleichzeitig bewahrt werden. Viele junge Frauen lehnen Beziehungen außerhalb des ehelichen Rahmens nicht aus Angst vor einer göttlichen Strafe aufgrund eines religiösen Glaubens ab, sondern vielmehr aus Angst vor Vergeltung durch ihre Angehörigen, oder weil sie ihnen gegenüber Schuldgefühle hegen. Gleichzeitig prahlen viele junge Männer mit ihren multiplen sexuellen Beziehungen.

Diese Kontrolle der Sexualität der Frauen wurde vom Staat durch verschiedene Institutionen gefestigt. Beispielsweise zeigen die Medien in Serien und Filmen das Vorbild der aufopfernden Mutter und des gehorsamen Mädchens als Idealbild der Frauen. Die rebellierende Frau dagegen wird mit Sicherheit am Ende des Films oder der Serie bestraft11, Filme die andere Frauenrollen zeigen, bilden hier eine Ausnahme. Ich erinnere mich auch an ein Lied der ägyptischen Band Cairokee mit dem Titel „Anführer gesucht“, das 2011 nach der Revolution herauskam. Es gipfelte in der Aussage, Ägypten benötige einen „männlichen“ Präsidenten. Das Männliche ist hier das Symbol für Autorität, Weisheit und die Fähigkeit, ein Land wie Ägypten zu regieren. Daneben gibt es die religiöse Institution, die den Schutz der öffentlichen Moral hochhält. Die von ihr propagierten islamischen Moralvorstellungen können einen Mann tolerieren, der eine „ungesetzliche“ sexuelle Beziehung eingeht und die Schuld wird – falls er verheiratet ist – seiner Frau gegeben, da sie an der Befriedigung seiner sexuellen Wünsche gescheitert sei. Ihm wird die Buße oder die Heirat einer anderen Frau empfohlen. Die arabische Sexualität, mein Forschungsthema, sieht Frauen also an niedrigerer Stelle als Männer. Ihre Rolle im Sexualleben wird festgelegt und diese Angelegenheit ist unter keinen Umständen vom größten Kontrollmechanismus zu trennen, der die Sexualität aller Individuen der Gesellschaft, Männer wie Frauen, kontrolliert und beherrscht.

Dank des Mutes zahlreicher junger Frauen und Männer, die das Thema offen angehen, erleben wir neuerdings aber, wie ein emanzipativer Diskurs zu Themen der Sexualität entsteht.

 

Die Wette des Widerstands

Die Macht wird laut Foucault von oben nach unten ausgeübt: „In ihrer ganzen Tiefe wie in ihren feinen Interventionen arbeitet sie entsprechend einer organisierten und intensiven Methode: Vom Staat zur Familie, vom Fürsten zum Vater und vom Gericht zu den strafenden Alltagspraxen, von den Höhen der sozialen Dominanz zu den Strukturen, die das Selbst ausmachen.“12 Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Können wir darauf vertrauen, dass sich ein Widerstand formiert, der in der Lage ist, die Sexualität von ihrer großen Angst und Vorsicht vor Verfolgung zu befreien? Können wir die Dualität von Verbotenem und Erlaubtem in unseren arabischen Gesellschaften hinter uns lassen?

Die Antworten werden keine einfachen sein. Aber wo immer eine Autorität existiert, gibt es auch Widerstand. So wie die Autorität sich ausbreitet, breitet sich auch die Sphäre des Widerstands aus. Dieser Widerstand spielt in den Machtbeziehungen die Rolle des Gegners. Er hat nicht ein Zentrum, sondern viele Zentren. Oder, wie es Foucault beschreibt: „Die Widerstandspunkte und -knoten sind mit größerer oder geringerer Dichte in Raum und Zeit verteilt … In der Regel sehen wir uns konfrontiert mit einem beweglichen und vorübergehenden Widerstand, verteilt auf die gesellschaftlichen Einheiten, auf die Individuen selbst, sich ständig erneuernd, wie er in ihre Körper und Seelen nicht reduzierbare Räume zeichnet, so endet das Netzwerk der Machtbeziehungen mit einem dichten Gewebe, das die Apparate und Institutionen durchzieht, ebenso durchzieht auch die Streuung des Widerstands die gesellschaftlichen Schichtungen und die individuellen Einheiten.“13

Wenn wir versuchen, Foucaults Widerstandskonzept auf die Realität der ägyptischen Gesellschaft anzuwenden, trotz der frustrierenden Realität des Umgangs mit sexuellen Rechten, so existiert eine Sphäre des mal vorsichtigen, mal waghalsigen Widerstands, die sich insbesondere nach der Januar‑Revolution langsam formierte. Seitdem begannen zahlreiche junge Frauen und Männer aus der Mittelschicht, außerhalb der Institution der Ehe sexuell aktiv zu werden. Dies geschah aus Freude am Genuss, zur Befriedigung der Lust oder als Ausdruck von Liebe. Viele von ihnen lehnen es ab, Kinder zu bekommen. Ebenso gibt es zahlreiche transsexuelle junge Frauen, die öffentlich über die sozialen Medien und verschiedene Foren von ihren Erfahrungen berichten. Dort dokumentieren sie ohne Scham oder Vorsicht die Übergriffe, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind. Ja, sie verwenden in vielen Fällen sogar eine klare und direkte Sprache, um diese Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen. Im Jahr 2017 verbreitete sich der Hashtag „#das erste Mal belästigt“, unter dem sich – zumeist sehr junge - Frauen – darüber austauschten, wie sie zum ersten Mal sexueller Belästigung ausgesetzt waren. Dieser Hashtag zeigt das Ausmaß an Falschheit und Leere der von der Gesellschaft propagierten moralischen Werte. Denn ein großer Teil der Belästigungen erfolgte innerhalb der Familie oder durch Verwandte.

 

Meines Erachtens erleben wir, wie in der jüngsten Zeit ein emanzipatorischer Diskurs zu Themen der Sexualität entsteht – dank des Muts zahlreicher junger Frauen und Männer, die das Thema öffentlich ansprechen, sei es schriftlich oder in öffentlichen Veranstaltungen. All dies kann die Realität verändern, mindestens aber erschüttern.

 
  • 1. https://paper-bird.net/2016/06/22/cairo-comprador-gay-movements/
  • 2. Diese Erfahrungsberichte wurden auf dem privaten Facebook-Profil der Transsexuellen geteilt.
  • 3. Michel Foucault: Geschichte der Sexualität, erster Teil, Übersetzung Mohammed Hisham, Afriqiya al-Sharq, 2004.
  • 4. Vergleiche: „Feminismus und Sexualität – die Frau und das Gedächtnis“, herausgegeben von Hala Kamal und Aya Sami, Tarjamat Nisawiya, Nr. 7, Kairo, Juli 2016.
  • 5. „Ich, der Abartige“, Raif al-Chalabi, Website Aljumhuriya, 15.11.2018.
  • 6. Fatima Mernissi: Das Geschlecht als soziale Konstruktion, Übersetzung Fatima al-Zahra Ouzarwil, al-Markaz al-Thaqafi al-Arabi, Seite 17.
  • 7. Vergleiche: Abdessamad Dialmy: Soziologie der arabischen Sexualität, Dar al-Talia, Beirut, 2009.
  • 8. https://www.almasryalyoum.com/news/details/1026222
  • 9. Diesem Verhalten war ich selbst zusammen mit unverschleierten Kolleginnen an meiner Universität und an anderen Universitäten Ende der 1990er-Jahre ausgesetzt.
  • 10. http://cutt.us/SGErK
  • 11. http://cutt.us/HY5us
  • 12. Foucault, ebenda.
  • 13. Foucault, ebenda