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Wie enttarnen wir die falschen Engel? Über die Sexualität von Menschen mit Behinderung im Film.

18/07/2019
1670 words

So wie es für alle Fragen, die den Körper betreffen, eine wissenschaftliche Antwort gibt, so hat das Kino für jede Emotion ein Bild und künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen.

Übersetzt aus dem Arabischen von Daniel Falk

„Von Anfang an wusste ich, dass ich in diesem Spiel kein Glück habe, denn das Schlimmste, was passieren kann ist, dass du abgelehnt wirst. Wir schützen uns selbst, indem wir unsere Erwartungen und Wünsche nicht äußern, sodass wir schließlich ohne irgendwelche Wünsche dastehen.“ Das sagt Ursula, eine Protagonistin des Films Behinderte Liebe von Marlies Graf. In ihrem Film stellt die Schweizer Regisseurin Erfahrungsberichte von Menschen mit körperlichen Behinderungen zusammen, in denen diese von ihren sexuellen Erfahrungen sowie über ihr persönliches Verständnis von Sexualität und ihrem Umgang damit berichten. Alle Personen im Film sprechen über ihre eigenen Erfahrungen. Ursula analysiert die Beziehung zwischen „normalen Menschen“ und Menschen mit körperlichen Behinderungen und erläutert die große Kluft zwischen Selbstbild und Fremdbild – insbesondere in Bezug auf das Sexualleben. Sie erklärt üblicherweise würden Menschen mit körperlicher Behinderung als „asexuelle“ Lebewesen betrachtet, die nicht nur nicht zu einer normalen Sexualität in der Lage sind, sondern nicht einmal dazu befähigt sind, auch nur daran zu denken.

Menschen mit körperlicher Behinderung werden von ihrem Umfeld als „Engel“ wahrgenommen. Damit werden sie in ihrer Vorstellung zu einem Symbol der Keuschheit und der Reinheit. Sie können sich einen Menschen mit Behinderung nicht im Kontext einer sexuellen Beziehung vorstellen, nicht einmal, dass er oder sie ein sexuelles Verlangen haben könnte. Denn in der Wahrnehmung des Umfelds bedeutet die Unfähigkeit zu einer Handlung automatisch die Unfähigkeit, daran zu denken. Diese Denkweisen entspringen einer metaphysischen Vorstellung par excellence, die die Fähigkeit des Verstandes leugnet, sich mit der Sexualität zu beschäftigen, solange sein Körper dazu unfähig ist. All dies führt uns zu mehreren Überlegungen: Welcher Körper kann Sex haben? Was für ein Sexualleben haben Menschen mit körperlicher Behinderung? Welche Vorstellungen haben sie von ihrer Sexualität und wie drücken sie diese aus?

So wie es für alle Fragen, die den Körper betreffen, eine wissenschaftliche Antwort gibt, so hat das Kino für jede Emotion ein Bild und künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen. Selbst wenn die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten der Körper der szenischen Darstellung ihre Grenzen aufzeigen, so bieten sie zugleich schöpferisches Potenzial für die Filmkunst sowie Spielraum für Interpretation und Erkenntnis. Daher spielte das Kino eine wichtige Rolle bei der Enttarnung der Rolle der Engel, die Menschen mit körperlicher Behinderung fälschlicherweise zugeschrieben wird. Das Kino nimmt uns mit in die Welt ihrer Psyche und Sexualität, in die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Behinderungen und ihre jeweiligen Auswirkungen auf das Denken über Sex und Sexualpraktiken.

 

Rust and Bone (Der Geschmack von Rost und Knochen) von Jacques Audiard (2012)

In diesem Film begegnen wir Stéphanie, die Delfin-Trainerin ist und Aufführungen vor Publikum darbietet. Wir erleben die Erfahrung einer zunächst gesunden Frau, deren Leben durch den Verlust ihrer beiden Unterschenkel auf den Kopf gestellt wird. Stéphanie erleidet während einer ihrer Aufführungen mit ihrem Team und den Delfinen einen furchtbaren Unfall. Dieses Ereignis wird zu einem Wendepunkt in ihrem Leben. Nicht nur, weil die körperliche Behinderung sie daran hindert, ihr Leben mit dem gleichen chaotischen Lebensstil fortzuführen wie bisher, sondern auch, weil ihr Blick auf die Dinge sich grundlegend verändert: auf die Liebe, auf Beziehungen und insbesondere auf Sex. Auch wenn Stéphanie diese Gedanken im Film nicht direkt äußert, so erkennen wir sie in allen Details ihrer Zurückgezogenheit, in ihrer plötzlichen Verneigung vor dem Leben, nachdem sie es vor dem Unfall mit Tanzen, langen Nächten und starkem Alkoholkonsum verächtlich behandelt hatte. Sie sitzt im Rollstuhl und versucht, sich selbst zu versorgen. Dabei lehnt sie alle Besuche oder Einmischungen von außen ab, die ihr das Gefühl geben könnten, bemitleidenswert zu sein. Stéphanie vertraut in dieser Zeit des Leidens nur einer fremden Person, nämlich Ali, einem Mitarbeiter des Wachdienstes einer Kneipe, der eines Tages bei einem Streit zwischen ihr und einem der Gäste intervenierte. Sie war betrunken, er brachte sie nach Hause und hinterließ seine Nummer, falls sie ihn eines Tages anrufen wolle.

Zwangsläufig ist eine solche Phase, in der jemand aus dem unversehrten Zustand heraus in eine besondere Situation gerät, ein Kampf mit dem Körper selbst, mit diesem vollständigen Körper, der zuvor zu fast allem in der Lage war und plötzlich unfähig ist, auch nur die einfachsten Bedürfnisse des menschlichen Alltags zu erfüllen. Manchmal sind wir uns unserer tatsächlichen Probleme überhaupt nicht bewusst, wir leugnen sie, verlieren uns stattdessen in leeren Details und erfinden Scheinprobleme. In solchen Situationen benötigen wir einen anderen Menschen, der uns ohne Umschweife mit den Problemen konfrontiert, die es wert sind, sie anzugehen und zu lösen.

Ali, ein Gentleman, impulsiv und hart zupackend, hat nur ein Ziel: mit Boxen Geld zu verdienen, um seinen Sohn zu ernähren. In seinem Leben gibt es keine Frau. Er führt zwar verschiedene sexuelle Beziehungen, aber weniger aus Lust, sondern eher um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Bei der ersten Begegnung mit Stéphanie nach ihrem Unfall geht er wie selbstverständlich, fast schon instinktiv mit ihr um, als er versucht, ihr zu helfen und sie aus ihrer Isolation zu holen, indem er sie mit ans Meer nimmt. Nach Monaten der Isolation wird jener Tag zur ersten Begegnung Stéphanies mit dem Meer und mit ihrem neuen Körper. Sie kann der Anziehungskraft des Meeres nicht widerstehen, zieht sich vollständig aus und bittet Ali, ihr beim Schwimmen zu helfen.

In diesem Fall können wir nicht von einer versöhnlichen Erfahrung mit der Behinderung reden. Aber für die Protagonistin kam es einer Wiederentdeckung ihres Körpers in neuem Gewand gleich, mit diesem mangelhaften Körper, der es ihr doch erlaubt, alleine mit einfachen Bewegungen zu schwimmen: Bewegungen, die sich schließlich in einen elegant-erotischen Tanz der Freiheit verwandeln. Die erste Erfahrung Stéphanies mit ihrem nackten Körper setzt eine Veränderung in Gang. Sie erhält schließlich zwei Beinprothesen, mit denen sie wieder laufen kann, wenn auch in begrenztem Ausmaß. In ihrer Unterhaltung mit Ali über Liebesbeziehungen sagt sie, dass sich bislang noch nie jemand für sie interessiert habe. Dabei deutet sie die Schwierigkeit an, eine sexuelle Beziehung einzugehen. Mit größter Spontanität bietet Ali ihr seine sexuellen Dienste an und Stéphanie lehnt nicht ab. Eine erste erfolgreiche und grundlegend pragmatische Erfahrung verändert das Leben der beiden Protagonist*innen, sodass sie Arbeit und Leben miteinander teilen. Wir können hier nicht von der Entstehung einer Liebesbeziehung zwischen Stéphanie und Ali sprechen, da beide ihre Gefühle füreinander nicht thematisieren. Aber, trotz des utilitaristischen Charakters der Beziehung, können wir eine gewisse Aufrichtigkeit und Anzeichen einer ernsthaften Entwicklung nicht leugnen, die der Regisseur in der Schlussszene ankündigt.

Die körperliche Behinderung von Stéphanie war nur ein zufälliges, vorübergehendes Problem, das keine Hürde für das Eingehen leidenschaftlicher sexueller Beziehungen darstellte. Sex ist natürlich eine Lösung. Aber Sex bedingt eine einzigartige Selbsterfahrung des Körpers, der, wenn wir ihn nicht vorzeitig im Stich lassen, uns unser Leben lang nicht im Stich lassen wird.

 

The Tribe von Myroslaw Slaboschpyzkyj (2014)

Ohne Übersetzung oder gesprochene Dialoge verfilmt Myroslaw Slaboschpyzkyj das Leben von Schüler*innen in einem Internat für Taubstumme, das keinerlei Kontrolle oder Autorität unterliegt. Es gleicht einem Dschungel, in dem nur der Starke überlebt. Diebstahl, Prostitution, Fälschung, Mord und Drogen machen den Alltag dieser Gruppe aus, in die Sergej als neuer Schüler hineingerät und in der er seinen Platz finden muss.

Der Regisseur entschied sich dafür, seine Protagonist*innen nur mit Gebärden kommunizieren zu lassen. Um diese glaubhaft zu gestalten, beschloss er, einzig mit taubstummen Schauspieler*innen an diesem Film zu arbeiten. Diese Entscheidung bleibt nicht folgenlos. Denn Myroslaw Slaboschpyzkyj wollte, dass sich die Kommunikationsschwierigkeiten dieser Gesellschaft im Film widerspiegeln. Er wählte für seinen Film bewusst eine Art der Behinderung, die alle sich aus dieser Kommunikationsunfähigkeit ergebenden Folgen an Gewalt und Verkrampfung resümiert.

Sergej verliebt sich in Anja, eine der Schülerinnen, die für die anführende Clique des Internats in einem von ihnen gesteuerten Prostitutionsnetzwerk nachts in den Winkeln eines verlassenen Hafens arbeiten muss. Der Hafen wird nur von jenen aufgesucht, die sexuelle Dienstleistungen suchen. Womöglich finden wir nichts Ungewöhnliches in diesem Gewerbe, ist es doch ein weit verbreitetes Phänomen in allen Kreisen. In diesem Falle aber geht die Idee des sexuellen Handels über das Bedürfnis nach Geld hinaus. In der Sexarbeit zeigt sich ein körperlicher Ausdruck, der einen inneren Schmerz stillen soll. Ein Schmerz, der bewusst oder unbewusst eine Quelle für Emotionen darstellt, die sich manchmal in viel Bewegung und manchmal in lauten Stimmen zeigt, selbst beim Ausdruck von einfachen Dingen in normalen Diskussionen.

Diese Intensität trifft auch auf die entstehende sexuelle Beziehung zwischen Anja und Sergej zu. Eine Beziehung, die keinerlei Mittelmaß kennt, die zwischen den höchsten Graden der Sanftheit und den brutalsten Momenten der Gewalt pendelt. In Filmszenen, die eher Gemälden gleichen, dringen Sergej und Anja in eine andere Welt vor, fantasieren gemeinsam mit krankhafter Leidenschaft, besorgten Berührungen und Blicken voller grenzenloser Lust – all dies in einem Prozess immer intensiver werdender Bewegungen und Handlungen, der die dröhnende Stille der Szene ausgleichen soll und der nur noch die Körper sprechen lässt, um tödliches Verlangen und Unterdrückung zu artikulieren.

  1. ist die einzige Atempause für die beiden Protagonisten, der Moment, indem ihre lauten inneren Stimmen zur Ruhe kommen und eine lange Reise des Schweigens antreten. Natürlich hört keiner der beiden die Laute des anderen im Rausch des Genusses. Aber er sieht die Bewegungen seiner Lippen und Augen und übersetzt sie innerlich in Bilder oder Bewegungen.

Aus Leidenschaft wird Gewalt, als Sergej Anja vergewaltigt, nachdem er für sie Geld gestohlen hat, damit sie die von ihm gezeugte Schwangerschaft abtreibt. Eine wilde Bewegung, die zeigt, dass die Persönlichkeit keine andere Möglichkeit findet, ihrer Angst vor dem Verlust dieser Beziehung und der Niederlage der Liebe Ausdruck zu verleihen. Eine brutale Tat, die noch brutalere Gefühle spiegelt, wobei der Körper über den Verstand obsiegt und alle Situationen beherrscht.

 

Hasta la vista von Geoffrey Enthoven (2011)

Der Film beginnt mit einer Szene, in der zwei Mädchen Sportübungen am Strand machen. Dabei kommen sie am Balkon von Philip vorbei, der sie aus seinem Rollstuhl heraus beobachtet. Später sehen wir ihn, wie er sich für das Bett richtet. Seine Eltern legen ihn ins Bett und wünschen ihm eine gute Nacht. Bevor sie geht, bittet er seine Mutter, seine Hand an seinen Penis zu legen, damit er vor dem Schlafen onanieren kann.

Philip ist fast vollständig gelähmt. Seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt er allein durch das Ansehen von Filmen und Pornos. Eines Tages überzeugt er seine beiden Freunde, den nahezu blinden Josef und den an Krebs erkrankten und an den Rollstuhl gefesselten Lars, ihn nach Spanien zu begleiten, wo es ein spezielles Bordell mit sexuellen Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung gibt. Trotz Befürchtungen und ohne Details der Reise zu kennen, stimmen die Eltern zunächst zu. Doch nachdem sich der Gesundheitszustand von Lars verschlechtert, wird die Reise abgesagt. Er aber besteht auf die Abreise, weil er nicht sterben möchte, ohne vorher diese Erfahrung gemacht zu haben. Also reisen die drei schließlich ab, in Begleitung von Claude, der Busfahrerin, die sich während der gesamten Reise um sie kümmern soll.

Auf der Reise erleben sie zahlreiche Abenteuer, von denen die Zuschauenden unterschiedliche gezeigt bekommen. Dazu gehört aber kein Sex, ganz so als habe Enthoven alles tun wollen, damit wir gemeinsam mit den Protagonisten erleben, was es heißt, lange auf etwas zu warten, das wir mit unserem Verstand und mit allen Poren unseres Körpers begehren. Mit ihren unterschiedlichen und verschieden stark ausgeprägten körperlichen Einschränkungen ergänzen sich die Freunde gegenseitig. Jeder erfüllt die Bedürfnisse des anderen so gut wie möglich. Dieses Mal aber stehen wir vor einem gemeinsamen Bedürfnis, das keiner dem anderen erfüllen kann: dem Wunsch nach Sex. Ohne in Emotionen oder Tränen zu verfallen, hat Geoffrey Enthoven mit seinen drei Protagonisten eine Gruppe von Kämpfern erschaffen, die trotz aller Schwierigkeiten auf dem Weg genau wissen, was sie wollen und wie sie an ihr Ziel gelangen.

Für die drei Protagonisten ist die Sache ganz einfach: Sex ist etwas, das sie noch nicht kennen und etwas, das sie erleben wollen, und sei es nur ein einziges Mal in ihrem Leben. Deshalb kämpfen sie gemeinsam dafür, bis sie endlich zu diesem Augenblick gelangen und sich die beste Entschädigung überhaupt gönnen.

Schließlich erreichen Lars und Phillip ihr ersehntes Ziel. Joseph, der sich in Claude verliebt hat, ist bei ihr geblieben. An dieser Stelle sehen wir nicht, was mit ihnen im Einzelnen passiert, aber wir verstehen alles: als sie aus den Zimmern herauskommen, mit Gesichtern, aus denen alle Anzeichen von Gebrechlichkeit und Verzweiflung verschwunden sind. Die filmische Eloquenz des Regisseurs ist damit aber noch nicht zu Ende. Vielmehr resümiert sie alles, was die Freunde sich bei ihrem Aufeinandertreffen sagen könnten, indem sie als „normale“ Personen in einer traumähnlichen Szene dargestellt werden, in der sie miteinander lachen und reden. Es ist eine kurze Szene, die mit dem Tod von Lars endet, im Rollstuhl sitzend, am nächsten Morgen.

 

Die Genialität des Kinos besteht darin, unsere Perspektiven zu erweitern und Emotionen in uns zu wecken, die sonst von unserem Verstand blockiert werden. Es verleiht uns Lippen, Hände und Füße, die uns helfen, uns frei zu bewegen und uns auszudrücken, bis dass unsere Ausdrucksformen auch in unsere Herzen vordringen und unsere Gedanken und unseren Blick auf die Dinge verändern. Genau das ist es, was die erwähnten und viele weitere unerwähnten Filme über Menschen mit körperlicher Behinderung bewirkt haben, in Bezug auf die in den Tiefen der Angst verborgenen Sexualität, verborgen vor dem abwertenden Blick der Gesellschaft und der willkürlichen Invalidität, die sie in den Blicken der Menschen sehen. Die „normalen“ Menschen sehen in Menschen mit körperlicher Behinderung Engel und nehmen sie damit von der Möglichkeit aus, Sex haben zu wollen. Das Kino aber verleiht den Engeln Flügel, damit ihr Umfeld die Aufrichtigkeit und selbstverständliche Legitimität dieses Wunsches erkennt.