Frauen im Jemen: Kunst in Zeiten des Krieges

28/06/2018
1107 wörter

Im Jemen herrschen Hungersnot, Cholera, Zerstörung und gesellschaftliche Zerrüttung. Was bedeutet es, in solchen Zeiten  über Kunst von jemenitischen Frauen zu reden?

Seit Jahren ist der Jemen Schauplatz humanitärer Katastrophen.* Angesichts dieser Notlage scheint es unpassend, über die jemenitische Kunstbewegung – insbesondere die der Frauen – zu schreiben. Mehr als vier Jahre sind seit Kriegsbeginn vergangen, während die humanitäre Katastrophe nach wie vor das Leben von 22 Millionen Menschen – Männern, Frauen und Kindern – bedroht. Medienberichte über die Geschehnisse im Jemen sind spärlich, und wenn es sie gibt, dann behandeln sie hauptsächlich menschliche, durch Hungersnot und Krankheiten verursachte Tragödien. Was bedeutet es also, in einer Zeit, in der der Jemen vielfach bedroht und erschüttert ist, über Kunst von jemenitischen Frauen zu reden?

Wenn jemenitische Regisseurinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen und andere Künstlerinnen es sich zur Aufgabe machen, die vom Krieg gezeichnete Situation ihrer Gesellschaft in künstlerischer Form zum Ausdruck zu bringen und unabhängig von der Dominanz der Machthabenden die Menschlichkeit zu verteidigen, dann muss man darüber sprechen.

Vielerorts stellen Frauen in der Kunstwelt eine Minderheit dar, und ihre Werke werden im Vergleich zu dem großen Interesse, das den Werken männlicher Künstler gilt, marginalisiert. Dies ist im Jemen ganz anders. Meine zehnjährige Erfahrung in der Berichterstattung aus diesem Land zeigt, dass die jemenitische Kunstbewegung von Frauen und Männern gemeinsam getragen und gestaltet wird. Unter Ausgrenzung und Nichtbeachtung vonseiten der Medien leiden Männer wie Frauen. Ihre Werke und Talente werden geschlechterübergreifend nicht ausreichend dokumentiert.

Sara Ishaq

Sara Ishaq ist eine der bedeutendsten jemenitischen Künstlerinnen der jungen Generation, deren Stimme seit Beginn der jemenitischen Revolution im Jahr 2011 nicht mehr überhört werden kann. Die engagierte Filmemacherin, Tochter eines jemenitischen Vaters und einer schottischen Mutter, hat mit ihrem ersten jemenitischen Film „Karama Has No Walls“ (Würde hat keine Grenzen, 2012) gemeinsam mit einem jemenitischen Filmteam Filmgeschichte geschrieben. Der Film, der von den Ereignissen des 18. März 2011 erzählt, die  als Wendepunkt im Verlauf der jemenitischen Revolution gelten**, wurde in der Kategorie Bester Dokumentar-Kurzfilm für den Oscar 2014 nominiert.

Nach zehnjährigem Aufenthalt in Schottland ist Sara in den Jemen zurückgekehrt und dokumentiert seither Alltägliches aus der politischen und sozialen Realität ihres Heimatlandes. Auf künstlerische Weise wechselt sie in ihrer ausdrucksstarken Dokumentation zwischen den Erfahrungen jemenitischer Bürgerinnen und Bürger, die durch die politischen Ereignisse beeinflusst werden, und ihren eigenen Erfahrungen. Ihre beiden Kurzfilme von 2012 über eine Demonstrantin auf dem Taghyeer-Platz und ihr Film „Die Hängengebliebenen“ über Jemeniten und Jemenitinnen, die in Ägypten festsitzen, belegen die gesellschaftspolitische Relevanz, die Saras Dokumentation über die Erinnerungen jemenitischer Bürger hat. In ihrem Dokumentarfilm „The Mulberry House“, der arabische und internationale Preise gewonnen hat, beschäftigt sie sich mit dem Leben jemenitischer Familien, indem sie exemplarisch ihren eigenen Lebenslauf und die Geschichte ihrer Familie erzählt.

In einem Interview im Jahr 2013, nach ihrer Oscar-Nominierung, fragte ich Sara Ishaq nach ihren künstlerischen Ambitionen. Sie klagte über das Fehlen jeglicher Studieneinrichtungen bzw. Ausbildungsinstitutionen der Filmindustrie im Jemen. Deswegen sei es ihr Ziel, eine Filmschule oder ein Zentrum für Filmkunst im Jemen zu eröffnen. Ihr Traum scheint wahr geworden zu sein.

In einem weiteren, in Sanaa geführten Gespräch mit Sara Ishaq berichtete sie begeistert von den Vorbereitungen ihres zweiten Workshops, der nach einem erfolgreichen ersten Workshop für junge Männer und Frauen in Sanaa vom arabischen Kulturfonds (AFAC) unterstützt wird. Nach einer kurzen Auszeit, die sie sich nach der Geburt ihres ersten Kindes gegönnt hat, versucht Sara heute, ihre vielen Projekte unter einen Hut zu bringen. Zusätzlich zu den Workshops mit ihrem Team Comra Films Production arbeitet sie hinter den Kulissen an der Produktion von Kurzfilmen in Kooperation mit regionalen und internationalen Medienfirmen. Momentan ist sie hauptsächlich mit den Vorbereitungen für ihren ersten Spielfilm beschäftigt, außerdem arbeitet sie an einem Dokumentarfilm über Frauen und Krieg.

Sara erklärte mir, dass das Filmemachen für die jemenitische Jugend eine wichtige Rolle spiele, egal ob Krieg oder Frieden herrsche. Es sei ein Mittel der Ermächtigung für Jugendliche und eine bereichernde Quelle für Gespräch und Meinungsbildung. „Generell wirkt Kunstschaffen in Zeiten des Krieges wie Psychotherapie. Das gilt für die Macher*innen der Filme ebenso wie für die Zuschauer*innen. Filme helfen uns abseits von Klischees und konventionellen Rahmenbedingungen zu artikulieren und unsere Meinungen über die Dinge differenzierter, als es sonst möglich ist, zum Ausdruck zu bringen.“

Haya Al-Hammoumi

So ähnlich stellt es sich auch für Haya Al-Hammoumi dar. Die 23-jährige Hayya erzählt in einem Gespräch in Sanaa, dass sie malt, um sich der Realität anzunähern und Drucksituationen überwinden zu können. „Ich male“, sagt sie „weil das die Art ist, in der ich mich über mich selbst und über mein Umfeld ausdrücken kann. Manche können einen Artikel oder ein Buch schreiben oder einen Film machen und sich so artikulieren. Für mich ist Malen die mir am nächsten liegende Ausdrucksweise.“

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Haya Al-Hammoumi - Wutschrei

Haya Al-Hammoumi - Wutschrei

Haya begann ihre Bilder öffentlich auszustellen, als 2014 im Zuge des Bürgerkriegs die Huthis in die Hauptstadt Sanaa eindrangen und die staatlichen Institutionen unter ihre Kontrolle brachten. Seitdem malt Haya, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ihre Bilder „Das Opfer“ oder „Wutschrei“ entstanden in einer Zeit, in der sie die Gesellschaft als Opfer eines erbitterten Krieges erlebte, die dem Aggressor am liebsten vor Wut ins Gesicht schreien will. Ihr Bild, das die verbale Gewalt gegen Frauen zum Thema hat, ist Teil eines Projekts der Behörde für die Förderung junger Talente im Jemen. Hayya spiegelt in ihrer Malerei das Leiden der jemenitischen Frauen angesichts der erlittenen Gewalt.

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Haya Al Hammoumi - Das Opfer

Haya Al Hammoumi - Das Opfer

Bislang beteiligte sich Hayya an 17 Kunstausstellungen, 16 davon fanden in Sanaa und eine in Kuwait statt. Sie freut sich über das wachsende Interesse der Besucher*innen in Sanaa. Dennoch wünscht sie sich mehr Unterstützung für die jungen Kunstprojekte.

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Haya Al Hammoumi - Gewalt gegen Frauen

Haya Al Hammoumi - Gewalt gegen Frauen

 

Methal

Methal ist eine jemenitische Sängerin und Gitarrenspielerin, die viel Anerkennung und Unterstützung erfährt. Die Zusammenarbeit mit der Band x ambassadors und das gemeinsame Cycles machte sie allgemein bekannt. Das Lied war Teil einer Kampagne namens I am with the banned, die sich solidarisch mit Menschen aus arabischen Ländern zeigt, denen die USA mit dem Dekret des Präsidenten Donald Trump die Einreise ins Land verbot. Seit der Revolution von 2011 komponiert, singt und veröffentlicht Methal ihre vor allem in englischer Sprache verfassten Lieder.

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Methal

Methal

Methals Weg zum Erfolg war nicht leicht. In einem Interview kurz nach der Veröffentlichung ihres Liedes Cycles erzählt sie, wie viele Vorurteile und Belästigungen sie bei ihren ersten Auftritten 2011 im Jemen erdulden musste. „Ich bekam viele Hassbriefe und die Leute belästigten mich wegen meines Singens und Auftretens auf öffentlichen und gemischtgeschlechtlichen Plätzen. Die Belästigungen nahmen immer mehr zu, deshalb musste ich das Singen 2014 aufgeben und mich dem öffentlichen Leben total entziehen. Als der Bürgerkrieg 2015 ausbrach, nahm ich meine Gitarre und reiste auf einem Flüchtlingsboot nach Djibouti. – Dort trat ich eine Weile in Hotels auf, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser Zeit versuchte ich, meine Werke übers Internet zu vermarkten. Ich erhielt Einladungen, bei Veranstaltungen in Deutschland und Kanada aufzutreten, um den Jemen zu repräsentieren. Anschließend blieb ich in Kanada.“

 

Rim Megahed

Wer Rim Megahed zuhört, fühlt sich in den Jemen zurückversetzt. Seit Kriegsbeginn verarbeitet die Soziologin und Schriftstellerin von ihrem neuen Wohnsitz in Prag aus ihr Heimweh in Geschichten, die erstaunlich realitätsnah ausfallen und für jeden Jemeniten und jede Jemenitin sofort nachvollziehbar sind. Bei unserer Begegnung Anfang 2018 gesteht Rim, dass sie mit diesen Geschichten wieder mit dem jungen Mädchen in Kontakt treten will, das in einem der kleinen Dörfer um Taiz aufgewachsen ist und das sie selbst einmal war.

Die Safir-Zeitung hat sechs von Rims Geschichten direkt nacheinander veröffentlicht. Sie tragen die schlichten Titel Bluse, Hochzeit, Flucht, Diebstahl, Verschiebung und Weg. Die Redaktion der Zeitung erkannte sofort ihr Talent und räumte ihren Geschichten eine ganze Seite ein. „Die junge Rim Megahed hat uns überrascht. Jede ihrer Geschichten ist wie ein Gemälde, das immer einen anderen Winkel des jemenitischen Lebens zeigt. Oder sie erinnern an das Drehbuch eines bedeutsamen Films. Wir haben in Rim Megahed eine erstaunliche und außerordentliche Geschichtenerzählerin entdeckt.“

 

Diese vier Frauen gehören zur großen Zahl jemenitischer Künstlerinnen, die Krieg und Vertreibung erfahren haben. Sie sind ausgerüstet mit Fantasie und mit ihrer Leidenschaft für das Filmemachen, Malen, Singen, und Geschichtenerzählen. Es gibt nicht allzu viele Zeugnisse über den Jemen und den dort herrschenden Krieg. Der Bedarf nach Werken von Künstlern und Künstlerinnen, die die Zeitgeschichte des Landes dokumentieren, ist daher groß.

 

 

* Bedingt durch Bürgerkriege und eine Militärintervention unter Führung von Saudi-Arabien. Anm. der Redaktion.

** Am 18.03.2011 wurden zahlreiche Zivilist*innen durch staatliche Scharfschützen erschossen. Anm. der Redaktion