#Ana_Aydhan: Wie gesellschaftliche Ächtung von Sexualstraftätern Überlebenden helfen kann

Wenn Gesetze und Institutionen versagen, gehören gesellschaftliche Ächtung und Ausgrenzung zu den wenigen wirksamen Mechanismen zur Abstrafung sexueller Übergriffe.

Übersetzt von Jana Duman

Im Oktober letzten Jahres eroberte das Hashtag #metoo weltweit die sozialen Medien als Zeichen der Solidarität mit Frauen, die den amerikanischen Produzenten Harvey Weinstein öffentlich des sexuellen Übergriffs beschuldigten. Die Liste der Männer, die der Belästigung, Schändung oder Vergewaltigung bezichtigt wurden, darunter auch mehrere Hollywoodstars, einflussreiche Geschäftsmänner und Politiker in den USA und Westeuropa, wurde schnell länger, als immer mehr Frauen ihre Erfahrungen im Internet teilten.

Die Verbreitung des Hashtags ging mit einer Debatte über gegenseitiges Einvernehmen in der Sexualität vis-à-vis Sexualgewalt einher, sowie über die Unterscheidung zwischen Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung auf Gesetzes- und Verfahrensebene. Zur selben Zeit führten „westliche“ Feministinnen schlagkräftige Kampagnen, um die Diskussion zu vertiefen und die feministische Perspektive einzubringen. Der Ausgangspunkt dabei war, dass sexuelle Gewalt ein in allen Gesellschaften verankertes Phänomen ist, das sich vorranging (systematisch oder teils systematisch) von Männern gegen Frauen richtet. Demzufolge könne sexuelle Gewalt nie isoliert vom Ungleichgewicht geschlechterspezifischer Machtverhältnisse in einer Gesellschaft betrachtet werden, die – in den meisten Fällen – den Mann zu einem potenziellen Aggressor und die Frau zu einem potentiellen Opfer oder einer Überlebenden machen.

Es dauerte nicht lange, bevor das Fieber der Aufdeckung sexueller Gewalttaten auch in den arabischsprachigen Ländern um sich griff. Im Internet, oftmals unter dem Hastag #أنا_أيضا (#ana_aydan), tauchten zahlreiche Berichte von Frauen auf, die berühmte, wenig bekannte oder unbekannt arabische Männer verschiedener Verbrechen bezichtigten: Darunter gehörten Machtmissbrauch erzwungener Sex, Belästigung auf der Straße oder am Arbeitsplatz, Ausbeutung von Frauen unter Alkoholeinfluss, Vergewaltigung und etliche andere Formen sexueller Taten ohne beiderseitiges Einverständnis.

Speziell in Ägypten entbrannte eine Debatte, die in vielen Punkten derjenigen im „Westen“ ähnelte. Zum Beispiel wurde darüber diskutiert, wie Belästigung und Vergewaltigung zu definieren seien, die manche verharmlosend zu „unwillkommenen Einladungen zum Sex“ erklärten. Viele Männer, und auch einige Frauen, zeigten sich verärgert über das, was in ihren Augen eine Übertreibung von Feministinnen und anderen Frauen war und zu Beschränkungen in der sexuellen Interaktion zwischen Männern und Frauen führen würde. Andere wiederum zeigten sich verwirrt und unfähig, zwischen einer „Einladung zum Sex, die der andere ablehnen oder annehmen kann“ einerseits und der unter Druck, durch Erpressung oder Vergewaltigung zwanghaft herbeigeführten sexuellen Aktivität andererseits zu unterscheiden.

Des Weiteren ging es in der Debatte auch darum, dass Strafen für Sexualtäter im Verhältnis zur Schwere ihrer Tat stehen müssten. So kam es auch zur Diskussion gesellschaftlicher Strafen, die darauf beschränkt sind, den Täter sozial zu ächten und auszuschließen, sodass für ihn soziale und berufliche Schäden entstehen. Dies sahen einige als eine unverhältnismäßige Strafe, deren Folgen für den Täter gravierender als die ursprüngliche Tat seien. Sie behaupteten, dass das, was einige Frauen in ihren Berichten schilderten, keinem sexuellen Verbrechen gleichkomme und nicht über eine „unwillkommene Einladungen zum Sex“ oder sexuelles Fehlverhalten hinausginge.

Es ist zu erwähnen, dass gängige Definitionen von Sexualgewalt diese auch als ein Verhalten beschreiben, das von einer Seite – „für gewöhnlich der Frau“ – als sexuelle Bedrohung wahrgenommen werde und sich in einem Kontext von Machtverhältnissen abspiele, bei denen dem Mann eine symbolische oder tatsächliche Gewalt über die Frau gegeben werde. Davon abgesehen übersahen jene, die Feministinnen der Übertreibung beschuldigten, zwei entscheidende Punkte:

Erstens, war dies wirklich ein angemessener Moment, um ihre Ängste, Fragen und Verwirrung als Männer in den Vordergrund zu rücken, anstatt dem Schmerz und Zorn der Frauen Gehör zu schenken? Denn handelte es sich nicht um einen Moment, in dem Frauen wie nur selten zuvor gerade genug Raum zur Verfügung hatten, um über ihre traumatischen Erfahrungen mit sexueller Gewalt und ihr tagtägliches Leiden in einer Gesellschaft zu sprechen, in der der Missbrauch des weiblichen Körpers von „allen“ gebilligt und normalisiert wurde?

Zweitens ignorierten sie den gesellschaftlichen Rahmen, in dem diese Debatte überhaupt erst stattfand. Als gesellschaftliches Phänomen kann sexuelle Gewalt nicht in Isolation vom soziopolitischen Rahmen besprochen und verstanden werden, in dem sie geschieht. Ein Rahmen, in dem Frauen von jüngster Kindheit an und durch das Jugend- und Erwachsenenalter hindurch mit sexueller Gewalt und Ausbeutung konfrontiert werden und gezwungen sind, mit der ständigen Bedrohung ihrer Körper leben zu müssen. Mehr noch damit, dass ihre Körper selbst die Quelle ständiger Bedrohung und Konflikte darstellen, dass sexuelle Erfahrungen im Grunde Gefahr, Schmerz und Verletzlichkeit bedeuteten. Nur, weil sie als Frauen geboren wurden, ungeachtet ihrer Entscheidungen im Leben, ihrer Persönlichkeit oder Angehörigkeit einer sozialen Schicht oder ihres Aussehens, mussten sie jeden Tag mit dieser Situation leben und sich mit Tricks aushelfen, um sich ein wenig zu schützen – um den Schaden zu minimieren, nicht aber ihn zu vermeiden oder zu verhindern.

Angst vor „exzessiver“ Bestrafung mutmaßlicher Täter kann bei Belästigungen und Übergriffen nicht die erste Sorge sein.

Jede „ernsthafte“ Diskussion über Sex und Sexualgewalt in unseren Gesellschaften muss als Ausgangspunkt diese Realitäten in den Blick nehmen. Die Tatsache, dass Männer nicht wissen, wie sie mit Frauen Sex haben können ohne sie in irgendeiner Form zu bedrohen, kann nicht die Priorität in dieser Diskussion sein, genauso wenig wie die Angst vor „exzessiver“ Bestrafung mutmaßlicher Täter die erste Sorge sein darf. Vor allem aber ist die Annahme, die Frau sei verantwortlich dafür, dem Mann zu erklären, wie er sich der Frau „nähern kann, ohne dass sie sich bedroht fühlt“, inakzeptabel.

Seit 2011 und dem Beginn der Januar-Revolution haben Frauen eine spürbar stärkere Präsenz in der Öffentlichkeit, doch ging damit auch ein beispielloser Anstieg an Sexualverbrechen gegen Frauen einher – hunderte, geschändet auf öffentlichen Plätzen vor den Augen von Millionen von Zuschauern vor Ort, dem Fernseher oder YouTube. Seitdem haben Frauen verstanden, dass die Flucht vor oder Koexistenz mit sexueller Gewalt nicht länger eine Option ist. In der Tat haben Frauen seitdem nicht wenige Erfolge vermerkt, zum Beispiel die Gesellschaft zu zwingen, ihre Augen für ihre Erfahrungen zu öffnen. Der gescheiterten Revolution und Stilllegung der Öffentlichkeit zum Trotz konnten sich die Themen der Frauen, die Verteidigung ihrer Rechte und ihr Kampf für ein sicheres und selbstbestimmtes Leben bislang durch alle Krisenzeiten behaupten und wann immer ein Vorfall an Momentum gewinnt oder Schlagzeilen macht, brodeln auch diese Problematiken wieder an die Oberfläche.

Als die #ana_aydhan Welle letztes Jahr begann, mussten Frauen also nicht ganz von vorn anfangen. Es hatte sich Ärger angestaut, ja, aber auch Erfahrung. Beides brachte diese wütenden Kämpferinnen auf einen Weg, der nur natürlich schien, und auf die schwierige, aber über alles wichtige Mission diejenigen zu bestrafen, die sie bedroht und verwundbar gemacht hatten.

Die Wut der Frauen und Mädchen entlud sich dann, wenn der Moment richtig schien oder sie bereit waren, die Last der Enthüllung und ihre Konsequenzen zu tragen. Sie ließen sich nicht von jenen besänftigen, die zu Vernunft und Ruhe aufriefen und den traditionellen Weg von Beschuldigung, Ermittlung und Strafe gehen wollten. Sie verstanden vollkommen, dass Wut die einzig logische Handlungsoption unter den gegebenen, ihnen aufgezwungenen Bedingungen war.

Diese Frauen waren sich sehr wohl bewusst, dass der übliche Prozess der Ermittlung in den an ihnen begangenen Verbrechen inadäquat war; sie hatten verstanden, dass vorherrschende geschlechterspezifische Machtverhältnisse und damit verbundene Werte und Normen sowie politische und gesetzliche Rahmenbedingungen schon allein die Anzeige einer solchen Tat unglaublich schwierig machten. Denn sie lebten in einem Land, in dem Gesellschaft und Gesetz zur Leugnung neigten, wo die Überlebende allein die schwere Last trug, ein Verbrechen nachzuweisen, und wo Frauen, die mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gingen, ihre Rechte einforderten und die Bestrafung des Täters verlangten, selbst abgestraft wurden.

Diese Frauen glaubten nicht daran, dass die offiziellen Wege der Anzeige von Sexualverbrechen zur Bestrafung der Täter führen würden, denn lieber bezahlten Gesetz, Gesellschaft und Politik sie für ihr Schweigen – ein Schweigen, mit die Überlebende oder das Opfer ihr ganzes Leben lang allein fertig werden muss, inklusive der aus ihm resultierenden Konsequenzen und Narben. Es macht den Bewältigungsprozess und das Leben als Ganzes für sie noch härter, zehrt an ihr und beraubt sie auch des kleinen Trosts, den ihr die erlernten Tricks im Umgang mit Gewalt einst gebracht haben.

Vielleicht zum ersten Mal verstanden alle, dass auf jede ihrer Taten eine Reaktion folgen würde.

Vor diesem Hintergrund erschienen im Laufe des letzten Jahres Berichte von Frauen, die verschiedene Arten der Gewalt von Männern erfahren hatten: Berichte über Vorfälle, die sich Jahre zuvor ereignet hatten, aber auch solche, die nur wenige Tage alt waren. Darunter waren Schilderungen über Zwischenfälle mit männlichen Kollegen oder Vorgesetzten am Arbeitsplatz, mit Partnern im Kampf für eine politische Sache oder für einen Traum; oder über „Freunde“ aus dem sozialen Umfeld der Frauen. Männer, die in ihren Kreisen angesehen waren, die Vertrauen und Unterstützung in denselben Kreisen genossen, in denen auch die Frauen arbeiteten, kämpften oder sozialisierten. Dies machte die Debatte über „gerechte“ Strafen für diese Männer und die Gefahren sozialer Ausgrenzung und Ächtung für viele hart, brutal und schockierend, denn vielleicht zum ersten Mal verstanden alle in jenen Kreisen, dass jede ihrer Taten Konsequenzen haben würde. Die Strafe würde kommen, wenn auch nicht sofort.

Wenn Gesetze und Institutionen versagen, gehören gesellschaftliche Ächtung und Ausgrenzung zu den wenigen wirksamen Mechanismen zur Abstrafung sexueller Übergriffe. Das bedeutet, dass ein Mann, der vielleicht wohlbekannt und angesehen ist, sein Leben lang für das, was er einer Frau einst angetan hat – Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung – gesellschaftlich gebrandmarkt ist. Dass er einst eine Frau dieser Gewalt aussetzte wird nun nicht nur sie, sondern auch ihn als Täter das ganze Leben lang begleiten.

Diese Brandmarkung bedeutet Verlust – wenn auch nur partiell – von sozialem und vielleicht auch politischem oder beruflichem Ansehen, das sich die Person im Laufe ihres Lebens erarbeitet hat. Sie ist ein schweres Los für diejenigen, die davon betroffen sind, und führt zu einer starken Polarisierung zwischen den engen Kreisen des geächteten Täters und der Überlebenden seiner Tat, die diese Ächtung erwirkt hat.

Gesellschaftliche Ausgrenzung und Ächtung sind gerechtfertigte Strafen aus der Sicht jener Frauen, die sexuelle Gewalt überlebt haben, aus der Perspektive von Feministinnen und vielen anderen Frauen und Männern, werden jedoch vom Täter und den Männern und Frauen, die weiterhin zu ihm stehen, als exzessiv wahrgenommen. Vor allem aber bringt uns diese Art von Strafe zu einem wichtigen Punkt zurück: Die Verantwortung dafür, ein gesundes, sicheres und freies Umfeld für Frauen zu schaffen, darf nicht länger auf den Schultern der betroffenen Frauen allein lasten, sondern muss von allen Männern und Frauen getragen werden.

Der Schutz der mentalen und körperlichen Gesundheit dieser Frauen ist nicht nur ihre eigene Verantwortung, sondern die Verantwortung aller Männer und Frauen in ihrem Umfeld. Wenn in einer Gemeinschaft eine Form sexueller Gewalt verübt wird, dann ist es nicht allein die Verantwortung der Überlebenden und Opfer, der betroffenen Frau einen sicheren Ort bereitzustellen, sie zu ermutigen sich zu öffnen, gegen den Beschuldigten zu ermitteln und ihn zu bestrafen. Es ist die Verantwortung aller, die Verantwortung jedes einzelnen Mitglieds dieser Gemeinschaft, die Verantwortung der Gemeinschaft als Ganzes, die von gemeinsamen Wegen, Zielen und Träumen geleitet wird.

Gesellschaftliche Ausgrenzung und Ächtung sind – bis heute – zwei der wenigen Mechanismen, mit denen ein gewisses Maß an Gerechtigkeit erreicht wird und mit dem Opfer einen Weg gebahnt werden kann, mit dem Erlebten fertigzuwerden und zu überleben. Bis andere gesetzliche und institutionelle Wege zur Verfügung stehen und wir erfolgreich ein Land, eine Gesellschaft, Institutionen und Gesetze geschaffen haben, die Frauen beschützen und respektieren, werden diese Frauen nicht aufhören, Sexualstraftaten an die Öffentlichkeit zu bringen und ihre gesellschaftliche Abstrafung zu fordern. Und niemand hat das Recht dazu, ihnen Schweigen, Vernunft oder Geduld zu predigen.