Libyens Schönheitssalons: Wo unterdrückte Sehnsüchte im Geheimen ausgelebt werden

04/11/2019
1291 wörter

In einem kleinen bescheidenen Salon, in dem sich die reifen Düfte vergangener Jahre um altmodische Dekorationen schmiegen und jene mit unterdrückten Sehnsüchten für wenige Stunden eine Zuflucht vor ihrer konservativen Gesellschaft finden, traf ich eine Gruppe von Frauen, die entspannt eine selbstgedrehte Zigarette teilten.

Aus dem Arabischen übersetzt von Jana Duman.

In Kadeh, einer Nachbarschaft im Westen von Libyens Hauptstadt Tripoli, lausche ich dem trägen Stöhnen von Frauen, die sich in einem Kosmetiksalon ihrer monatlichen Schönheitsbehandlung hingeben. Aus dem Salon dringen die Melodien arabischer Volksmusik und der Geruch chemischer Shampoos, erhitzten Zuckers und Zitrone. In diesem kleinen bescheidenen Salon, in dem sich die reifen Düfte vergangener Jahre um altmodische Dekorationen schmiegen und jene mit unterdrückten Sehnsüchten für wenige Stunden eine Zuflucht vor ihrer konservativen Gesellschaft finden, treffe ich eine Gruppe von Frauen, die entspannt eine selbstgedrehte Zigarette teilen.

Ihre Unterhaltung ist so willkürlich wie die selbstgedrehte Zigarette. Mit großer Skepsis blicken sie mich an: eine Frau, die für sie die Klatschpresse repräsentiert; eine Journalistin, die für Geld aus jeder Lappalie eine große Story machen will. Oder schlimmer noch: eine Journalistin, die versucht, sie durch öffentliche Denunzierung, auch „Nachrichten“ genannt“, in eines der Gefängnisse extremistischer Milizen zu bringen. Die Mehrheit dieser Frauen scheut die Öffentlichkeit, auch wenn sie nur normale, legale Dinge des Alltags tun wollen. Die Angst vor der Presse in Libyen ist gerechtfertigt, bedenkt man die vielen Verstöße und Überschreitungen. Für die Menschen besteht kein Zweifel daran, dass Journalismus Geheimdienstarbeit par excellence ist. So etwas wie unabhängigen Journalismus gibt es für sie nicht. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und frage: „Was zieht Sie immer wieder in genau diesen Salon?“ Woraufhin mich die Friseurin wütend anfährt: „Mach dich hier weg und lass uns mit deiner Neugier in Ruh‘. Wir sind Töchter geachteter Familien.“ Damit schmeißt sie mich raus.

Neben sexuellen Anspielungen, die im Mittelpunkt der Unterhaltungen zwischen Friseurinnen und Kundinnen stehen, gibt es noch eine andere, aufregendere Seite des Gesprächs.

Viele Libyerinnen genießen es, halbnackt in Kosmetikhäusern oder – sozusagen – „Underground“-Salons zu sitzen und sich schminken, frisieren und wachsen zu lassen. Das ist tief verwurzelte Tradition und erfüllt die stereotype Erwartung, dass Frauenkörper weich und zart sein müssen. Generell ist das also nichts Besonderes; aber in Libyen hat das Ganze noch eine andere Ebene. Hier haben die meisten Frauen sich angewöhnt, übertrieben abscheuliche Witze über Frauenkörper zu machen. Es macht ihnen Spaß, ihre Brüste und besonders ihre Brustwarzen, die als Hauptquelle der Freude gelten und deshalb besonders groß sein müssen, zu loben oder niederzumachen. Während sie sich im Schönheitssalon verwöhnen lassen, amüsieren sie sich über die Brüste der anderen Frauen, die sie mit „Wassermelonen“ oder „Kuheutern“ vergleichen. Zur Antwort wackelt die gemeinte mit dem Hintern oder zeigt den Mittelfinger als Signal, dass ihr das Gerede egal ist.

Neben diesen sexuellen Anspielungen, die im Mittelpunkt der Unterhaltung zwischen Friseurinnen und Kundinnen stehen, gibt es noch eine andere, aufregendere Seite des Gesprächs. So kann sich eine Friseurin zum Beispiel nicht zurückhalten, ihrer Kundin Ratschläge für die Hochzeitsnacht zu erteilen und zu erläutern, wie diese Nacht mit Sadomaso-Spielen aufgewertet werden könnte. Die Friseurin besitzt eine symbolische Autorität ihren Kundinnen gegenüber und es herrscht ein gegenseitiges Vertrauen: So fragt die Friseurin ganz ungeniert nach dem Hinterteil ihrer Kundin, dessen Umfang und Form sie als wichtige Faktoren für den Erfolg der Hochzeitsnacht ansieht. Weitere Ratschläge lauten, allen vom Ehegatten verlangten Praktiken zuzustimmen und das Versohlen ihres Pos lediglich als Bereicherung des beiderseitigen Vergnügens zu verstehen.

Wenn Frauen in der Privatsphäre des Kosmetiksalons sexuelle Witze machen und sich necken, dann ist das wie eine Therapie für ihre Seele.

Die Frauen hören den Ratschlägen ihrer weisen Friseurin mit großem Interesse zu, stammen die meisten von ihnen doch aus konservativen Familien und sind zu schüchtern, über derlei Dinge mit Müttern, Schwestern oder Freundinnen zu sprechen. Der Schönheitssalon ist demnach eine wichtige Anlaufstelle für „sexuelle Aufklärung“. Er ist wie eine kleine Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft, die einen spürbaren Einfluss auf die Verhaltensweisen der Frauen und auf ihre widersprüchlichen Gedanken hat. Hier diskutieren verheiratete Frauen über Kindererziehung und Haushaltsführung, aber vor allem über das Sexleben und die Entfremdung von den Ehemännern. „Ehemänner sind nur Mittel zur Fortpflanzung und Sicherung der unbekannten Zukunft“, sagt eine von ihnen.

Hier muss die weise Friseurin intervenieren: „Viele Frauen denken, dass die Ehe ihnen gesellschaftlichen Status und Geltung verschafft, doch das absolute Gegenteil ist der Fall, denn in den meisten Ehen herrscht gegenseitiges Unverständnis. Wieso rasiert ihr euch von Zeit zu Zeit? Um bei irgendeiner Hochzeit vor anderen Frauen schön zu sein, aber nicht vor euren Ehemännern.“ Und dann fügt sie spöttisch hinzu: „Eure Männer riechen nur Knoblauch und Zwiebel in eurem Atem und sehen die Spinnweben in eurem Intimbereich und das jeden Tag.“

Parallelwelt zur Monotonie des Alltags

Schönheitssalons sind eine Parallelwelt zur Monotonie des Alltags, in der die Frau zur Unklarheit über sich selbst, ihren Körper und ihre Neigungen verurteilt ist. Oftmals liegt der Grund hinter der Existenz dieser kleinen Gruppen in bestimmten Strukturen der libyschen Gesellschaft, die das Leben wie Schornsteine mit ihrem endlosen Rauch verdunkeln. In der streng kontrollierten libyschen Gesellschaft werden den Frauen Werte und Moralvorstellungen diktiert, während tief in ihrem Inneren der sehnliche Wunsch gedeiht, eine „imaginative“ Gesellschaft zu erschaffen beziehungsweise einen sicheren Ort zu finden, an dem „zur Abwechslung“ mal über Sex, Tabus und andere verschwiegene Dinge gesprochen wird. Und noch viel mehr: wo Dinge miteinander ausprobiert werden können. Doch aus Angst wird dies verschwiegen. Wenn Frauen in der Privatsphäre des Kosmetiksalons sexuelle Witze machen und sich necken, dann ist das wie eine Therapie für ihre Seele, eine Erholung vom Druck der Familie und Gesellschaft abseits von Zensur und Unterdrückung.

Ich traf mich mit Fadiya Ahmad (Name geändert, 32 Jahre), einer Bauingenieurin, die in bestimmten Bezirken Tripolis regelmäßig Kosmetiksalons besucht. So klein diese Räumlichkeiten auch erschienen, sagt sie, gäben sie ihr das Gefühl von großer Weite und Freiheit - wie der Weltraum, in dem sich die Planeten frei in ihrer Bahn bewegen könnten. Sie erzählt: „Frauen wie wir, denen Sinnlichkeit wichtig ist, müssen Schlimmes erdulden, wenn wir mit Familien und sogar Freundinnen über unsere Bedürfnisse sprechen. Ständig werden uns durch Vorurteile Schranken vorgeschoben und wir werden gebrandmarkt und als Prostituierte beschimpft.“

Die regelmäßigen Besuche im Schönheitssalon befreien sie von negativen Energien und seien die wahre Quelle ihrer Freude im Leben, sagt Fadiya.

Sie fährt fort: „Ich habe diese Orte durch Zufall entdeckt. Eines Tages fand ich mich in einer Gruppe von Frauen wieder, die frei und ungehemmt Geschichten austauschten. Ich wurde neugierig, setzte mich im Salon zu ihnen und lauschte. Es gibt hier einen vom Rest der Kundschaft abgesonderten Raum – dort können wir ganz wir selbst sein und Sexualität und Lust in Wort und Tat ausleben. Das beginnt beim Ablegen unserer Kleidung, bis wir halbnackt sind, um unsere Haare zu entfernen oder manchmal Henna aufzutragen, und reicht bis hin zur Bildung von Paaren. Dabei testen wir, zu welcher anderen wir die stärkste Anziehung verspüren. Eine von uns beginnt, sich im Intimbereich zu berühren oder vergießt ein wenig Limonade auf ihrem Oberschenkel. Damit signalisiert sie, dass sie sich in das kleine Badezimmer in der Ecke zurückziehen will. Natürlich machen wir so etwas nicht vor den anderen Frauen. Aber auch in der Gruppe tauschen wir Zärtlichkeiten aus, nicht im richtigen sexuellen Sinne, sondern als eine Form der Kommunikation, die wir entwickeln, um unsere Sorgen zu erleichtern und uns in eine Art Rausch zu versetzen, aus dem wir am liebsten nie wieder herauskämen, denn er ist der einzige Weg für uns zu überleben.“

Der Raum, in dem sich Fadiya und ihre Freundinnen meist treffen, ist schummerig; überall liegen Kleiderberge und alte Makeup-Schachteln. „Der Raum ist trotz aller Unordnung bequem, denn er bietet jedem Paar eine offene und zugleich separate Ecke. Manchmal teilen wir uns Zigaretten und tauschen Unterwäsche aus, um den Geruch zu genießen. Wir tragen Lippenstift auf und bemalen damit auch manchmal unsere Körper.“ Die regelmäßigen Besuche im Schönheitssalon, sagt Fadiya, befreiten sie von negativen Energien und seien die wahre Quelle ihrer Freude im Leben und Grund für ihre politischen und privaten Erfolge.

Dem stimmt eine andere Vierzigjährige, die ebenfalls anonym bleiben will, zu. Sie offenbart mir, dass auch sie in den Arbeitervierteln von Tripoli solche Salons aufsucht. „Lass dich von der konservativen Kleidung, die viele Frauen tragen, nicht täuschen“, sagt sie. „Für viele, die dem Druck von Arbeit, Studium oder Familie entkommen wollen, ist dieser Ort anziehend. Ich persönlich fahre mit dem Auto nach der Arbeit ganz bewusst hierher.“

Areej Abdelrahman (Name geändert, 40 Jahre), geschieden und in einer Handelsbank in Tripoli tätig, beginnt mit den Worten: „Wir bezahlen nichts für diese Leistungen. Ehrlich gesagt will ich sie nicht als Leistungen bezeichnen, denn sie sind in Wirklichkeit eine Form des Trosts unter Frauen, von dem wir nicht abstreiten, dass er sexueller Natur ist. Das wird von der Gesellschaft als großes Verbrechen angesehen. Viele von uns leiden unter unserem fortgeschrittenen Alter, das unsere Chancen auf Ehe oder Partnerwahl gleich Null setzt. Aber es gibt auch Verheiratete, die sich nach etwas sehnen, das ihnen fehlt, oder ein Abenteuer suchen, wie es mit ihrem Ehemann nicht möglich wäre.“ Sie fährt fort: „Wir hier haben keine Bezeichnung für unsere Gruppe oder treffen uns zu bestimmten Zeiten, sondern bevorzugen kurzfristige, spontane Zusammenkünfte. Das macht diese Treffen so einzigartig und authentisch. Bei Anfragen und Andeutungen reagieren wir intuitiv.“

Inmitten des Gesprächs nimmt Areej einen Telefonanruf an und flirtet kurz mit jemandem am anderen Ende. Für sie sei das Flirten eine Form des Zeitvertreibs oder fast ein Hobby, das sie täglich mit Fremden, Nahestehenden oder Bekannten gleichermaßen praktiziere.

Einige von Libyens Schönheitssalons haben sich zur geheimen Zuflucht für Frauen entwickelt, die ihre Sehnsüchte sonst nicht frei ausleben können. Eine Aura der Verschlossenheit umgibt diese Salons und so ist es schwierig, Zugang zu ihren Kreisen zu erhalten und mehr über sie zu erfahren. Jede einzelne dieser Frauen, ihre Freundinnen und die Saloneigentümerinnen tragen ein Geheimnis mit sich, das sie jederzeit in die unbarmherzigen Hände extremistischer Milizen ausliefern könnte. Areej stellt abschließend fest: „Mörder, Korrupte, Diebe und Anstifter sind willkommene Individuen in unserer Gesellschaft und finden unter ihrem Mantel Schutz vor Strafe und Vergeltung. Aber intime Beziehungen, die niemandem schaden, sind unter Androhung schwerster Strafe verboten.“