Ich packe meinen Koffer: Ein sicheres Outfit für jede Stadt

Aus dem Arabischen übersetzt von Jana Duman.

In den letzten zehn Jahren bin ich oft umgezogen. Ich bekam einen Eindruck davon, wieviel Freiheit zur Selbstverwirklichung mir verschiedene Städte jeweils gewähren, sei es in Bezug auf meinen Lebensstil, meine Kleidung oder andere Aspekte, die mir wichtig sind. 

Jede der Städte, in denen ich wohnte, gewährte mir ein spezifisches Maß an Freiheit. Und so unterscheiden sich auch die Gefühle, die ich mit jeder einzelnen der Städte verbinde. Als Konstante bleibt einzig mein Bedürfnis nach Sicherheit – die Sicherheit vor Belästigungen, die leider in allen Städten ein Problem waren.

Wenn ich an Kairo denke, überkommt mich sofort das ganz spezifische Gefühl, mich mit der Stadt bis in ihre Poren hinein identifizieren zu können. Meine Gefühle sind immer mit meiner Wahrnehmung von Farben und Schattierungen verbunden. In Kairo ist die alles beherrschende Farbe eine Art Beige oder Gelb, als ob eine Sandschicht alles bedecken und nach und nach die anderen Farben und mit ihnen die Nuancen unserer Identitäten abschleifen würde. Als würde die Stadt allem und jedem ihre eigene Farbe auferlegen.

 

In Kairo kann lockere, unauffällige Kleidung Sicherheit bieten.

Als ich nach Kairo zog, musste ich mir locker sitzende Kleidung zulegen, um keine einzige Kurve meines Körpers auch nur anzudeuten. Die Macht des Patriarchats ist hier stark und erdrückend. Heterosexualität ist selbst in liberaleren Kreisen das einzige akzeptierte Beziehungskonzept. 

Ein unauffälliger Kleidungsstil kann helfen, ein Gefühl von Sicherheit zu haben, auch wenn die Sicherheit trügerisch ist und auch wenn man sich in der Kleidung selbst fremd vorkommt. Kairo war die Stadt, in der ich mich am wenigsten im Einklang mit meinem Körper und meiner Sexualität gefühlt habe.

Ich sehe noch ganz deutlich das erstaunte Gesicht der Mitarbeiterin im Studierendensekretariat der Universität vor mir, als ich ihr mein Foto für das Anmeldeformular reichte. Es war dasselbe Bild, das ich zuvor für behördliche Angelegenheiten in Damaskus verwendet hatte. Wie konnte ich es wagen, ein Bild einzureichen, auf dem ich mit entblößten Schultern zu sehen war?! Vermutlich hätte es den Anstand der Schublade, in die sie mein Formular später legte, verletzt. Die Mitarbeiterin schnitt das Foto so aus, dass nur mein Gesicht übrigblieb.

Beirut. Eine einzelne Farbe könnte die Gefühle, die ich für diese Stadt empfinde, nicht beschreiben. Sie vereint in sich so viele Farben. Insgesamt lebte ich dort länger als in anderen Städten und die Erfahrung stand im starken Kontrast zu den Erfahrungen, die ich in den vorherigen Städten gesammelt hatte. Beirut ist eine Stadt, die Politik atmet. Ihre Farben sind mit der Vielzahl politischer Parteien und deren Bannern verbunden, was die Wahl meiner Kleidung kompliziert machte. In dieser Stadt sind selbst die Farben korrupt: Gelb oder orange, zum Beispiel, sind nicht nur politisch aufgeladen, sondern prägen auch die verbalen Belästigungen aufdringlicher Männer. So erinnere ich mich an einen Vorfall: Ich ging die Straße entlang, trug orangene Kleidung und plötzlich rief mir einer zu: „Also, für dich lern ich auch den General lieben“1.

In Beirut gab es mehr Raum für persönliche Freiheiten. Hier konnte ich Kleidung tragen, die mir ein besseres Körpergefühl gab.

In Beirut konnte ich knappe Kleidung tragen und so eine bessere, offenere und freiere Beziehung zu meinem Körper entwickeln. Hier konnte ich auch meine Sexualität ausleben, wenn auch nur in bestimmten Kontexten. 

Beschränkungen gab es auch im lauten, traurigen Beirut überall, aber wenigstens gab es eine LGBT+ Community. Zeitweise fühlte ich mich sogar sicher. Dennoch konnte das nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass sich Beirut von kommerziellen Schönheitsstandards diktieren lässt. Und mit diesen Standards kann ich überhaupt nichts anfangen.

Während meiner letzten Tage in der Stadt trug ich nur Schwarz, ohne mir dessen bewusst zu sein – als hätte mein Unterbewusstsein vor der Abreise die richtige Farbe für meine Gefühle gewählt.

Damaskus ist gefühlsmäßig in der Mitte zwischen Kairo und Beirut. Natürlich gibt es in allen Städten immer Orte, Freundinnen und Freunde, dir mir erlauben, ich selbst zu sein. In Damaskus gab es ein bisschen von allem. Das gesellschaftliche Klima konnte sich von einer Straße zur nächsten ändern: Mancherorts konnten Mädchen die ihnen aufgezwungene konservative Kleidung abwerfen und frei wählen, was sie trugen.

In Estland konnte ich frei wählen, was ich anzog. Aber im harschen Winter verwandelte ich mich in das Michelin-Männchen. 

Europäische Städte bieten ein sehr ähnliches Maß an persönlicher Freiheit. Natürlich gibt es auch hier Orte, die liberaler sind als andere. Aber im Allgemeinen fühle ich mich überall frei, die Person zu sein, die ich bin, und ihr mit meiner Kleidung Ausdruck zu verleihen. 

In Europa stand ich in größerem Einklang mit meinem Körper, da ich Kleidung tragen konnte, die mir entsprach. Zumindest war das im Sommer so – der Winter war eine ganz andere Geschichte. In Estland zum Beispiel schien mir die dominante Farbe dunkelblau zu sein, vielleicht weil ich nie zuvor an einem dermaßen kalten Ort gelebt hatte. Ich brauchte eine irrsinnig dicke Jacke, die mich vor der Kälte schützte. So verhüllt verlor ich nicht nur jegliches Körpergefühl; ich schleppte auch immer dieses Gewicht mit mir herum und hatte kaum Bewegungsraum. Nur eine Sache konnte mich dazu motivieren, die Schichten ohne zu zögern abzuwerfen: der Wunsch nach Sex.

Wenn ich kein Sicherheitsoutfit einpacken musste, hieß das, in dieser Stadt kam ich der Person näher, die ich sein wollte, und konnte mich von den üblichen Ängsten lösen.

Das Problem an der Sache war aber, dass alle Energie und Leidenschaft längst verpufft waren, sobald man es endlich geschafft hatte, die dicken Schichten loszuwerden. Ich frage mich wirklich, wie es die hier lebenden Menschen machen, wenn die Lust sie mal plötzlich überkommt. 

In den letzten zehn Jahren habe ich an kulturell, politisch und gesellschaftlich komplett unterschiedlichen Orten gelebt, verschiedene Kleidungsstile ausprobiert und endlich einen Stil jenseits gesellschaftlicher Zwänge gefunden, der mich mit meinem Körper in Einklang bringt. Als ich bereit war mich niederzulassen, suchte ich ein Land, das mir die persönlichen Freiheiten bieten kann, um die Person zu sein, die ich sein möchte. Italien wurde mein neues Zuhause. Mein Koffer spiegelt inzwischen viel besser wider, wer ich wirklich bin. Er ist nicht länger nur ein Behälter für „Sicherheitsoutfits“, sondern Ausdruck meiner selbst, meiner Gefühle und Identität. Ein Pfefferspray ist jetzt der einzige Gegenstand den ich zur Sicherheit bei mir trage, egal in welche Stadt es geht.

  • 1. Der hier angesprochene „General“ ist Michel Naim Aoun, amtierender Präsident Libanons und Parteichef der Freien Patriotischen Bewegung (At-Tayyar al-watany al-hurr), dessen Logo aus einem orangefarbenen aufgeschlagenen Buch oder einem Buch vor orangem Hintergrund besteht. Seine Partei wird dementsprechend mit der Farbe Orange assoziiert.