Eine schöne Frau – meine Erfahrungen mit Vaginismus

In meinem Kopf verband sich der Gedanke an Sex mit Schmerz – und diese Beziehung sollte nicht so einfach zu trennen sein.

امرأة جميلة: عن تجربة التشنج المهبلي by Jeem

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Aus dem Arabischen übersetzt von Jana Duman.

Ich war damals bereit, mich auf diese Erfahrung einzulassen und diese verfluchte Barriere einzureißen, die ich als Hauptgrund für meine Unzufriedenheit und meine mangelnde Selbstakzeptanz sah. Diese Mauer, die zwischen mir und meinem anderen Ich stand, die mein Wesen in zwei Personen spaltete: eine, die ich sehr gut kannte und die mich langweilte, und die andere, die ich immer sein wollte. Ich stand an der Schwelle der Transformation von einem Mädchen, das ihr Lächeln großzügig anderen schenkte, zu einer Frau, die über jede einzelne ihrer Bewegungen nachdachte und sich ihres Eindrucks auf die Person gegenüber sehr wohl bewusst war. Meine beiden Ichs entschieden, dass mein Jungfernhäutchen definitiv die größte Barriere bei dieser Transformation darstellte. Auch war ich mir mit meinem Partner einig, dass dieses Häutchen doch eine Absurdität war, ein eingebildetes Problem, das man einfach überwinden konnte.

Alles lief gut. Wir waren auf der Höhe der Leidenschaft, wartend auf den entscheidenden Moment, wenn sein Penis in mich eindringen und mein Innerstes entflammen würde. Ich war überzeugt, dass mich die Ekstase wie ein Feuer verzehren, ich etwas bis dahin Unbekanntes und Unvorstellbares fühlen würde; ich dachte an das irrsinnige Vergnügen, welches da auf mich wartete, das mich in andere Welten hinübertragen würde, aus denen ich minutenlang nicht zurückkehrte, Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, in der ich vergaß, wer ich war …

Ein riesiger Schmerz überfiel mich …

Er war das erste Gefühl, das mich im Moment des Geschehens vereinnahmte. Ich ignorierte es, denn für das erste Mal war das normal. Aber nach und nach wurde der Schmerz immer schlimmer. Ich versuchte ihn hinter einem Lächeln zu ertragen, tröstete mich mit dem Gedanken, dem naiven Kind sehr bald Lebewohl zu sagen und endlich zur Geburt einer starken, unbändigen und attraktiven Frau gratulieren zu können. „So ist das nur beim ersten Mal“, versuchte ich mich zu beruhigen. Dann: ein unbewusster Schrei. Einmal, zweimal, dreimal. Ich hielt es nicht länger aus. Die Wand war nicht eingebrochen und ich hatte den Kampf verloren. Ein erster Schock.

Was folgte, war die längste Nacht meines Lebens. Wir gaben uns der Hoffnung hin, dass es nur die Angst vor dem ersten Mal gewesen war. Lange suchte ich in meiner Seele nach dieser Angst, aber vergebens. Ich hatte keine Angst; ich war noch nicht mal nervös. Ich war überzeugt davon, dass ich Sexualität in meiner Beziehung brauchte – mehr noch, dass ich dazu mental bereit war. Wir versuchten es mehrere Male, die allesamt scheiterten. In jener Nacht schlief ich nicht. Danach zögerte ich mehrere Wochen, es noch einmal zu versuchen. Wochen, in denen mich eine ständige Furcht begleitete, real und fühlbar: die Furcht vor dem Schmerz. In meinem Kopf verband sich der Gedanke an Sex mit Schmerz – und diese Beziehung sollte nicht so einfach zu trennen sein.

Über die Jahre hatte ich gelernt, dass Sex natürlich und wichtig im Leben ist

Mich damit abzufinden, dass ich ein Problem hatte, ob nun physisch oder psychologisch, fiel mir sehr schwer. Das Schwierigste für mich war jedoch, jenen Moment zu verarbeiten, in dem ich in mir eine kleine Wand hatte einreißen wollen und stattdessen eine Gefangene hinter einer unüberwindbaren Mauer geworden war. Ein Moment, nach dem ich plötzlich weder Kind noch Frau war. Ich war ein asexuelles Wesen, das nun erneut in seinem Inneren ergründen musste, was es in Wirklichkeit war. Wie oft dachte ich damals, ich sei sicher vor dem „Übel“ des Vaginismus, dem sogenannten Scheidenkrampf, bis ich nach Tagen des Überlegens, Recherchierens und Lesens realisierte, dass mein Körper allen Möglichkeiten gegenüber offen war und ich ziemlich sicher dennoch an diesem Problem litt. In jenem Moment, in dem ich zwischen Akzeptanz und Widerwillen hin- und hergerissen war, musste ich mir zumindest die Macht unseres kulturellen Erbes über unser Bewusstsein und Handeln eingestehen, die wir oft nicht wahrnehmen oder wahrhaben wollen.

Ich hatte immer gedacht, ich sei emanzipiert, hätte mich von allen Beschränkungen rückschrittlicher Ideen befreit. Ich dachte, dass all die Theorien zu Frauen und Freiheit, die ich übernommen hatte, auch die Fesseln illusorischer Vorstellungen von engelhafter Keuschheit und Sex als Teufelswerk sprengen würden, die meinem Körper auferlegt worden waren. Über die Jahre hatte ich gelernt, dass Sex natürlich und wichtig im Leben ist. Mehr noch: dass Sex ein grundlegendes Element für das existenzielle Gleichgewicht eines Menschen war, ein entscheidendes Glied in der Kette des Lebens, welches zu verlieren bedeutete, viel von sich selbst zu verlieren, und ohne es zu leben hieß, einen tiefen Abgrund in unserem Inneren erdulden zu müssen. Ich verstand Sex als eine zentrale Ziffer, ohne die die Gleichung unserer Existenz nicht gelöst werden konnte. Ich glaubte, am Ende würden diese und andere Ideen genügen, um intuitiv, ungehindert und geschmeidig mein Sexleben zu beginnen.

Ich glaubte, alles lief gut – bis zu jener Nacht, in der ich erkannte, dass der Konflikt zwischen geerbten und selbstständig angeeigneten Ideen in Wahrheit ein ungerechter Krieg war, bei dem ich als einzig unbewaffnete Kämpferin Armeen gegenüberstand, deren Schlagkraft auf jahrhundertealten Legenden, Traditionen und Religionen samt himmlischer und von Menschenhand geschaffener Schriften gründete. Ich stand allein der Kultur eines ganzen Volkes gegenüber, welches das Verbot von Sex als Vorspeise am Esstisch servierte, die Angst vor dem Mann mit der Muttermilch nuckelte und die Gene der Reinheit und Keuschheit Tag für Tag weitergab.

Ich zog mich damals für längere Zeit zurück, in der ich mich an viele Momente meines Lebens erinnerte: den Tag, an dem die Lehrerin für Naturwissenschaften Mädchen und Jungen getrennt hatte, um erstere über die Periode und zweitere über eine Krankheit namens Syphilis zu unterrichten; daran, dass mich diese verflixte Trennung um die Gelegenheit gebracht hatte, das erste Mal in meinem Leben einen Penis zu sehen, wenn auch nur einen schlaffen, deformierten, syphiliskranken Penis auf Bildern. Ich erinnerte mich, nicht einen einzigen Unterrichtstag erlebt zu haben, an dem Sexualität auch nur aus der Ferne gestreift worden war, und dass Geschlechtsverkehr ein Thema blieb, das auf einen Zeitpunkt verschoben wurde, der für mich nie kommen würde. Ich erinnerte mich an vieles und in meinem Kopf stapelten sich die Gedanken, zum Beispiel auch jener, dass ich meine mangelnde Neugier an pornografischen Seiten, wie Gleichaltrige sie hatten, damit gerechtfertigt hatte, dass Sex in meinem Kopf eine rein intuitive Sache war, die nur den Wunsch und das Einverständnis zweier Personen benötigte, nicht aber irgendwelches Hintergrundwissen. Ich erinnerte mich, wie meine Mutter und Tanten mit mir heftig geschimpft hatten, weil ich sie beim Besprechen „erwachsener“ Themen belauscht hatte, obwohl ich noch ein Kind war. Ich hatte an jenem Tag nicht die gefährliche existenzielle Frage gestellt: „Mama, wie bin ich auf die Welt gekommen?“ Und meine Eltern hatten nie die Eingebung, mir eine Antwort auf diese Frage zu geben – als wäre ich ein Zweig gewesen, der aus dem siebten Himmel in ihren Schoß gefallen und zur verhätschelten Tochter geworden war. Ich war so blind, dass Fragen über Körper und Sex meine Neugier nicht wecken konnten.

Alle Symptome von Vaginismus waren da, aber das ließ ich mir von niemandem sagen

Alle Symptome von Vaginismus waren da, aber das ließ ich mir von niemandem sagen, nicht mal von Menschen, die mir nahestanden. Ich hatte große Angst darüber zu reden und das

verschlimmerte meine Furcht vor dem Gang zum Arzt. Ich war damals nicht in der Lage zu begreifen, wie hilfreich für mich ein Besuch beim Gynäkologen sein könnte und dass eine Behandlung möglich war. In meinem Inneren tobten gleich mehrere Konflikte: zwischen Eingestehen und Abstreiten; zwischen meiner Fähigkeit, das Problem zu begreifen und eigenständig zu lösen, und meinem Unvermögen, Antworten auf Fragen wie: „Was passiert hier mit mir?“ zu finden. Und schließlich war da noch die Überzeugung, dass Vaginismus nur Frauen betrifft, die unter einem schweren sexuellen Trauma leiden. Wie konnte mich dieser Schlamassel treffen, wo meine Akten doch bis auf ein paar leidenschaftliche Küsse und Berührungen keine sexuellen Einträge aufzuweisen hatten?

All dies ließ mich den Gynäkologen weiter aufschieben, obwohl mein Partner darauf beharrte. In dieser Phase kehrte ich in eine Art primitiven Zustand zurück und gab all die Ideen auf, die die „Moderne“ mir einverleibt hatte. Ich realisierte, dass sie falsch waren. Nicht die Inhalte der Ideen an sich, sondern die Annahme, dass sie so schnell und plötzlich umsetzbar waren. Das waren strahlende Ideen, die in Dunkelheit getaucht auf dem Boden der Tatsachen aufschlugen. Mir wurde klar, dass ich nichts anderes mit mir gemacht hatte, als die Fassade eines verlassenen Hauses neu anzustreichen und mich fortan nur noch mit seinem schönen Garten zu beschäftigen. Ich stellte mich mehreren Tatsachen, von denen die wichtigste war, dass ich nichts über Sex wusste und bei null anfangen musste. Sieben Monate hielt dieser Zustand an, in denen ich es immer wieder mit meinem Partner vergeblich versuchte. Und doch spürte ich in der Zeit, dass sich sehr langsam ein Prozess vollzog, der mich früher oder später an mein Ziel, genussvollen Sex zu haben, führen würde. Noch immer schiebe ich den Arztbesuch auf, glaube aber mehr als zuvor daran, dass er wichtig und unumgänglich ist. Meine Erfahrung sehe ich jetzt nicht mehr als Katastrophe, ganz im Gegenteil: Ich glaube, dass ich die Dinge, die nach all dem Warten geschehen, viel mehr genießen kann; wie jemand, der nach langer Unfruchtbarkeit ein Kind gebärt, oder jemand, der einen Liebsten nach langer Zeit wiedertrifft – so wie diese beiden habe auch ich mich mit etwas in meinem Inneren vereint und wir haben viel gelacht.

Ich denke mittlerweile nicht mehr, dass der empfundene Schmerz so schlimm war. Er war nur das Einzige, was mich direkt mit dem Tumult in meinem Inneren konfrontiert hat. Dieser Schmerz im Besonderen stellte sich als kritische Wendung auf der Reise vom mentalen zum körperlichen Verstehen heraus und als der Faktor, der mir half, die Dinge mit beiden Händen anzupacken, sie zu spüren und den Wandel Stück für Stück zu beobachten. Jetzt habe ich das Problem nicht mehr, doch ich denke an all die Frauen und Mädchen, denen ihr Umfeld und die Gesellschaft keine Gelegenheit geben, zu verstehen, woher der Schmerz kommt. Ich denke an jede, die diese Erfahrung durchgemacht hat. Ich denke an diese Frauen und an jede einzelne, an deren Stelle ich stehen könnte, wenn das ungerechte Spiel des Schicksals anders verlaufen wäre.